Donnerstag, 15. Januar 2026

Stravagante pensiero: Madrigale im Stile Gesualdos - Concerto Italiano


In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und dem ersten Viertel des 17. erschienen in Italien Madrigale in grossen Mengen. Das Madrigal war die wichtigste Form der weltlichen Vokalmusik. Heute kennen wir nur die Spitze des Eisbergs. Unter den vielen Madrigalbüchern, die in Druck erschienen, nehmen die sechs von Carlo Gesualdo einen besonderen Platz ein, und das trifft vor allem auf die beiden letzten Bücher zu. Der Grund ist, dass Gesualdo Texte verwendet, die man als morbid bezeichnen könnte: viele handeln von Liebe und Tod in einem Atemzug. Er war darin aber keine Ausnahme. Es gab mehrere Komponisten seiner Generation und der nächsten, die vergleichbare Texte vertonten. Und wie er verwendeten sie oft Chromatik und scharfe Dissonanzen. Rinaldo Alessandrini hat mit seinem Ensemble Concerto Italiano ein Programm solcher Madrigale aufgenommen.

Einige Textstellen seien hier erwähnt, um einen Eindruck der darin ausgedrückten Emotionen zu übermitteln. "Oh, erbarme dich meiner Qualen, damit ich in Frieden leben und nicht mehr sterben kann" (Tommaso Pecci, Ahi, che il mio cor si fugge). "Mein Herz ist bereits ergriffen und muss daher sterben" (Ascanio Mayone, Fuggi, fuggi oh mio core). "Ich fürchte den Tod nicht, solange das Leben und nicht meine Hingabe vergeht, denn schwankende Leidenschaft ist weit schlimmer als der Tod" (Giovanni del Turco, Altro non è'l mio amore).

Unter den Komponisten treffen wir einige bekannte Namen, wie - neben Gesualdo - Luzzasco Luzzaschi, Ascanio Mayone und Giovanni de Macque. Aber die meisten sind dem heutigen Hörer wohl weitgehend unbekannt, wie Scipione Lacorcia, Tommaso Pecci, Francesco Genuino und Francesco Lambardi.

Es fällt auf, dass die Komponisten meistens aus dem Süden Italiens stammen, und mehrere - wie Gesualdo - in Neapel wirkten. Muss daraus geschlossen werden, dass solche Texte dem Denken und den Gefühlen der dortigen Bevölkerung entsprechen? Das ist eher unwahrscheinlich. Es handelt sich wohl vielmehr um eine Mode, vergleichbar mit der Melancholie, die zur gleichen Zeit in England gepflegt wurde. Die Texte eigneten sich perfekt, um mit musikalischen Mitteln, darunter insbesondere der Harmonie, zu experimentieren. Und in aristokratischen Kreisen, wo solche Madrigale gesungen wurden, hat man sich davon herausfordern lassen, denn die Darstellung solcher Stücke ist alles andere als einfach.

Das trifft auch auf professionelle Interpreten von heute zu. Die Sängerinnen und Sänger müssen die Texte sorgfältig lesen und deren Struktur analysieren. Einige enthalten starke Kontraste, wie beispielsweise Pargoletta è colei von Agostino Agresta. Es beginnt optimistisch: "Ein kleiner Cherub ist sie, die meine Sehnsucht entfacht; und ein kleiner Cherub ist die Liebe, die mein Herz durchdringt." Doch dann schlägt die Stimmung in Bitterkeit um: "Doch in meiner Seele spüre ich ein großes Feuer, eine große Wunde, eine große Qual." Dieser Kontrast wird in der Musik eindrucksvoll ausgemalt. Die oft extremen Dissonanzen erfordern eine perfekte Intonation sowie die Verwendung der passenden (mitteltönigen) Stimmung. Die Gefühlsausbrüche lassen sich nur durch einen angemessenen Einsatz der Dynamik wirkungsvoll vermitteln. Wörter wie "deh" und "ah(i)" (oh), die häufig vorkommen, müssen forte oder mit einem Messa di voce gesungen werden. Innerhalb eines Madrigals erfordert der Text oft starke dynamische Kontraste. All diese Aspekte können am besten von italienischen Muttersprachlern umgesetzt werden, wie es die Mitglieder des Concerto Italiano sind. Sie meistern die Anforderungen dieser Madrigale mit beeindruckender Leichtigkeit. Hier und da schleicht sich ein leichtes Vibrato ein, doch das fällt kaum ins Gewicht. Es sind prägnante Darbietungen, die kaum zu übertreffen sind.

Diese CD bietet nicht gerade Musik zur Unterhaltung an. Nur ein einziges Stück, Francesco Lambardis All'ombra degl allori, bietet etwas Entspannung. Der Rest ist durchweg recht schwere Kost. Doch es ist faszinierend zu hören, wie Komponisten um 1600 einen Text interpretierten und vertonten, und mit Harmonie experimentierten. Liebhaber des Madrigals sollten sich diese hervorragende Aufnahme auf keinen Fall entgehen lassen.

"Stravagante pensiero"
Concerto Italiano/Rinaldo Alessandrini
Naïve OP 8677 (© 2025) Details

Stravagante pensiero: Madrigale im Stile Gesualdos - Concerto Italiano

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und dem ersten Viertel des 17. erschienen in Italien Madrigale in grossen Mengen. Das Madrigal ...