Freitag, 24. Mai 2024

Mascitti: Triosonaten Op. 1 - Musica Elegentia



Im 18. Jahrhundert machten viele italienische Musiker und Komponisten sich auf den Weg zu anderen Teilen Europas, inbesondere England und Frankreich. Einer dieser war Michele Mascitti (1663/64-1760). Er stammte aus Chieti, in der Nähe von Neapel, wo ausgebildet wurde; 1704 liess er sich in Paris nieder. Er kam zunächst unter dem Schutz des Herzogs von Orléans und trat danach in den Dienst der Familie Crozat. Mascitti war sehr beliebt in Frankreich und ihm wurde 1739 die französische Staatsbürgerschaft verliehen. Zwischen 1704 und 1739 erschienen neun Sammlungen mit insgesamt 100 Solosonaten und 12 Triosonaten. Dazu gibt es noch Cembalowerke, Concerti grossi und Trios für zwei Gamben und Basso continuo.

Er scheint ein eigenwilliger Charakter gewesen zu sein. Das geht schon aus der Zusammenstellung verschiedener Sonatensammlungen hervor. Solche bestanden üblicherweise aus sechs oder zwölf Stücken, aber zwei Sammlungen von Mascitti enthalten 15 Sonaten, und eine 14: acht Solosonaten und sechs Triosonaten. Auch im Opus 1 finden sich diese beiden Gattungen: sechs Solosonaten und sechs Triosonaten. Beide Gattungen sind dann wieder aufgeteilt in je drei sonate da chiesa und sonate da camera. Allerdings sind diese beide Arten nicht strikt getrennt. Das Ensemble Musica Elegentia hat sich auf die Triosonaten konzentriert. Im Textheft wird behauptet, es handele sich hier um Erstaufnahmen. Das stimmt aber nicht: 2008 veröffentlichte das Label Acte Préalable eine Gesamtaufnahme des Opus 1.

Diese Sonaten sind strikt im italienischen Stil komponiert. Sie wurden 1704 gedruckt, und damit gehören sie zu den frühesten italienischen Sonaten, die in Frankreich veröffentlicht wurden. Nennenswert ist, dass in einigen Sonaten das Violoncello absonderlich erwähnt wird; das deutet aber nicht auf eine obligate Partie, sondern darauf, dass das Violoncello Diminutionen zum Basso continuo beiträgt. Eine zweite Besonderheit bietet die Sonata X: die zweite Geigenpartie kann auch ausgelassen werden; damit wird dieses Stück dann eine Solosonate.

Mascitti's Werke sind in den letzten Jahren auf ein wachsendes Interesse von Interpreten gestossen: verschiedene Aufnahmen seiner Sonaten sind auf CD erhältlich. Das ist verständlich: sie sind sehr gut konzipiert, für Geiger interessant und für Zuhörer unterhaltsam. Auch in den Triosonaten, die Musica Elegentia aufgezeichnet hat, kommt nie Langeweile auf. Das Ensemble Musica Elegentia hat den Geist dieser Werke perfekt erfasst. Die beiden Geiger - Paola Nervi und Marco Pesce - sind hervorragend. Der Basso continuo ist, wegen der Kombination von Violoncello und Violone, manchmal etwas zu schwer, aber der rhythmische Puls kommt sehr gut zum Tragen. Fazit: ein erfreulicher Beitrag zur Mascitti-Diskographie, der die Qualitäten seiner Musik überzeugend über die Bühne bringt.

Mascitti: Sonate a Tre - Opera Prima
Musica Elegentia/Matteo Cicchitti
Challenge Classics CC72979 (© 2024) details

Dienstag, 14. Mai 2024

Janitsch: Kammermusik - Die Freitagsakademie



Die Musik von Johann Gottlieb Janitsch (1708-1763) darf sich seit einiger Zeit grosser Aufmerksamkeit freuen. Das Ensemble Epoca Barocca hat schon 2010 eine CD für CPO aufgenommen, und das Ensemble Notturna hat ihm später drei CDs gewidmet (Atma). Vor kurzem sind einige CDs des Ensembles Friday Academy Berlin erschienen, und hier steht eine CD des Ensembles Die Freitagsakademie zur Rezension. Das zwei unterschiedliche Ensembles den fast gleichen Namen tragen, lässt sich verstehen. Janitsch, der im Dienste Friedrichs des Grossen stand, ist vor allem wegen seiner Konzerte bekannt geworden, die er unter dem Namen Freitagsakademie organisierte. Damit hatte er schon angefangen, als Friedrich noch in Rheinsberg residierte, und er setzte sie fort, als dieser den Thron bestiegen hatte und nach Berlin übergesiedelt war. In diesen Konzerten wurde Musik unterschiedlichen Charakters gespielt, von professionellen Musikern und guten Laien. Dort hat wahrscheinlich Carl Philipp Emanuel Bach seine Cembalokonzerte vorgestellt.

Janitsch stand auch als Komponist in hohem Ansehen. Vor allem mit Quartetten machte er sich einen Namen. Dabei zeigt er ein Gespür für originelle und weniger geläufige Kombinationen von Instrumenten. Besonders auffällig ist, dass die Viola in seinen Quartetten eine obligate Rolle spielt. Solostücke für die Viola wurden in der Barockzeit selten komponiert, und auch in Quartetten war das 'dritte Instrument' dann eher ein weiteres Instrument in der Sopranlage als eine Viola. In den Quartetten von Telemann ist es oft eine Viola da gamba. Umso bemerkenswerter ist die Rolle der Viola in Janitschs Quartetten. In einigen gibt es sogar zwei Bratschenstimmen: die Freitagsakademie spielt ein Quartett für Oboe d'amore, zwei Violen und Basso continuo. Es verleiht diesem Werk eine dunkle Farbe, und die Tonart E-Moll passt dazu. Bemerkenswert ist das Quartett in G-Moll, dessen dritte Satz den Choral O Haupt voll Blut und Wunden enthält, als Cantus firmus von der Oboe vorgetragen. Dieses Werk hat Jantisch aus Anlass des Todes seiner Tochter komponiert.

Die Quartette von Janitsch sind sehr schön und gut komponiert, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum sie ihm soviel Respekt einbrachten. Für ein Ensemble wie Die Freitagsmusik ist diese Musik ein Leckerbissen, denn in jedem Stück hat jedes Instrument eine interessante Partie zu spielen, die auch mal solistische Passagen enthält. Diese Werke sind im galanten Idiom komponiert, aber gehen über das Niveau reiner Unterhaltungsmusik weit hinaus. Die Freitagsakademie hat hier eine exzellente Interpretation vorgelegt, die jedem erfreuen wird. Mit so einem Vertreter seiner Musik kann jeder Komponist glücklich sein.

Janitsch: "Chamber Music"
Die Freitagsakademie
Prospero PROSP0069 (© 2023) details

Mittwoch, 24. April 2024

Das Cembalo in Paris im 18. Jahrhundert



Im 17. Jahrhundert war die Laute das am meisten geschätzte Instrument in Frankreich. Das änderte sich gegen Ende des Jahrhunderts, als das Cembalo die Laute allmählich verdrängte. Jacques Champion de Chambonnières gilt als der Gründer der französischen Cembaloschule. Die Blütezeit des Cembalospiels war das 18. Jahrhundert. Im Jahre 1699 veröffentlichte Louis Marchand sein erstes Buch mit Cembalostücken, und in den nächsten Jahrzehnten erschienen mehrere solcher Sammlungen. François Couperin veröffentlichte sein erstes Buch 1713. Diese zwei Komponisten sind die ersten, deren Werke Jos Van Immerseel aufnahm in einer bei Channel Classics erschienene Produktion unter dem Titel 'Le clavecin à Paris au XVIIIe siècle'. Auf insgesamt drei CDs verfolgt er die stilistische Entwicklung im Komponieren für das Cembalo, und benutzt dafür drei historische Instrumente, die mit dieser Entwicklung Schritt halten.

Marchand komponierte hauptsächlich Tänze, und stilistisch steht er dem 17. Jahrhundert nahe. Wir hören Auszüge aus der ersten Suite. Bei Couperin weichen die Tänze allmählich den Charakterstücken: schon im ersten Buch gibt es kaum noch Tänze ohne einen zusätzlichen Titel. Er gilt als der erste Vertreter des sogenannten Rokoko, das von Leichtigkeit und Eleganz gekennzeichnet wird. Van Immerseel spielt Auszüge aus dem ersten Buch. Die zweite CD fängt dann mit Stücken von Jean-Philippe Rameau an. Wer seine Musik hört, wird kaum schockiert sein, aber wenn man seine Musik direkt nach Couperin hört, wird man durchaus einen Stilbruch erfahren. Rameau ist der Dramaturg unter den Cembalokomponisten. Zwar wurde seine erste Oper 1733 aufgeführt, aber schon in den Cembalosammlungen, die zwischen 1706 und 1728 erschienen, zeigt er, dass er für die Bühne geboren war. Kein Wunder, dass er mehrere Stücke später orchestrierte und in seine Opern einfügte. Van Immerseel spielt einige Stücke aus der Sammlung von 1728. Es folgen dann Stïcke von Forqueray; noch immer ist nicht geklärt, ob es sich dabei tatsächlich um Gambenstücke von Antoine handelt oder ob diese von seinem Sohn Jean-Baptiste komponiert wurden. Die Cembalofassungen haben ihren Ursprung in Stücken für die Viola da gamba, und das erklärt, dass sie sich meistens im mittleren und unteren Bereich des Cembalos bewegen. Der Einfluss des italienischen Stils ist unverkennbar.

Die dritte CD beleuchtet die Spätphase des Cembalospiels; im letzten Viertel des Jahrhunderts wurde das Cembalo vom Fortepiano Konkurrenz gemacht. Es erklingen zunächst einige Stücke von Jacques Duphly, aus dem dritten und vierten Buch. In einem Stück hören wir einen 'Albertibass', damals beliebt in Musik im galanten Idiom. Auch verwendet Duphly die Form des Rondeaus, sehr beliebt in Frankreich in seiner Zeit. Es folgen dann einige Stücke von Claude-Bénigne Balbastre; er wird oft mit dem Verfall des Cembalospiels in Verbindung gebracht. Und eine gewisse Trivialisierung ist seinem Oeuvre nicht abzusprechen, hier zur Schau gestellt im Air gay. Dagegen ist Les Malesherbe ein schönes Stück, das schon nach Mozart riecht. Als letzter Vertreter der französischen Cembaloschule wird hier Armand Louis Couperin präsentiert. Auch in seinem Oeuvre ist Oberflächlichkeit festzustellen, aber das hier aufgeführte L'affligée ist ein bewegendes Stück, das eine heimgesuchte Person porträtiert.

Jos Van Immerseel kennen wir heute als Spieler historischer Klaviere und Dirigent des Orchesters Anima Eterna. Er hat aber als Cembalist angefangen, und es ist schön, dass er zu seiner alten Liebe zurückgekehrt ist. Mit Hilfe drei schöner historischer Instrumente präsentiert er eine fesselnde Übersicht der Entwicklung im Komponieren für das Cembalo in Frankreich sowie im Cembalobau. Insgesamt haben seine Interpretationen mir gut gefallen; allerdings fand ich ihn in Rameau etwas zu zurückhaltend. Schön sind die stilistisch überzeugenden Verzierungen: grosszügig, aber ohne Übertreibung. Die Anwendung der notes inégales ist subtil.

Auch wer die hier aufgenommenen Stücke schon in seiner CD-Sammlung hat, sollte sich diese Produktion überlegen, auch wegen der Instrumente, die man nicht alle Tage hört.

"Le clavecin à Paris au XVIIIe siècle"
Jos Van Immerseel, Cembalo
Channel Classica CSS45523 (© 2023) details

Freitag, 19. April 2024

Corrette & Dandrieu: Orgelmesse & Magnificat - David Ponsford

Der britische Organist David Ponsford ist ein Spezialist auf dem Gebiet der französischen Orgelmusik des Barock. Er hat ein Buch über die Orgelmusik, die unter dem Regime Ludwigs XIV. komponiert wurde, veröffentlicht, und seit einigen Jahren nimmt er für Nimbus eine Reihe CDs mit Musik einiger der grossen Vertreter ihres Fachs auf. Es liegt jetzt die Folge 8 vor, die der Orgelmesse von Gaspard Corrette (um 1671 bis vor 1733) gewidmet ist. Beim Namen Corrette denkt man an Michel, seinen Sohn, der einer der produktivsten Komponisten seiner Zeit war. Sein Vater hat nur wenig Musik hinterlassen: seine Orgelmesse ist das einzige Werk seiner Feder, das zu uns gekommen ist. Über sein Leben wissen wir wenig; nach einiger Zeit als Organist in Paris gewirkt zu haben, scheint er als Tanzmeister tätig gewesen zu sein.

Orgelmessen sind selbstverständlich für die Liturgie gemeint: die Orgelverse werden in Abwechslung mit einstimmigen Gesängen gespielt. Komponisten solcher Messen haben allerdings diese Gesänge nie in ihre Ausgaben aufgenommen, und die Wahl dieser Gesänge wird den Klöstern oder Kirchen überlassen. Diese Messe ist für den Gebrauch in einem Frauenkloster gemeint. Dort pflegte man ein Repertoire, das sich irgendwo zwischen dem traditionellen gregorianischen Gesang und den neukomponierten Gesängen der Zeit befindet. Wer die liturgischen Gesänge einbeziehen möchte, muss also eine Wahl treffen. David Ponsford hat darauf verzichtet, was völlig legitim ist. Auch ohne liturgische Einbettung verfehlt diese Musik ihre Auswirkung nicht.

Französische Orgelmusik des Barock lässt sich schwer auf andere Orgeln übertragen. Die Komponisten haben meistens die zu verwendenden Register genau angegeben, und diese sind auf andersartigen Instrumenten meistens nicht anzutreffen. Ponsford hat sich für ein Instrument entschieden, das 1709/10 von Andreas Silbermann in Marmoutier gebaut wurde; sein Sohn vollendete den Bau 1745. Nach Angaben von Ponsford ist es das nahezu ideale Instrument für diese Messe von Corrette; fast immer können die Register verwendet werden, die er vorgeschrieben hat.

Als eine Art von Zugabe hat Ponsford einige Werke von Jean-François Dandrieu hinzugefügt: ein Magnificat, zwei separate Stücke, ein Noël und Variationen über die Osterhymne O Filli et Filiae. Ich nehme an, dass Dandrieu später in diesem Projekt noch mal absonderlich zu Wort kommt. Die hier gespielten Stücke können als Einleitung dienen für jene, die dessen Musik nicht kennen.

Diese CD ist eine perfekte Kombination von Musik, Instrument und Interpret. Hier stimmt alles. Correttes Messe ist ein schönes Werk und die Orgel ein beeindruckendes Instrument. Ponsford erweist sich hier als der ideale Interpret, der alle Eigenschaften des Werkes voll zur Geltung bringt und die Farbenpracht der Orgel optimal ausnutzt. Kein Orgelfreund soll diese CD verpassen. Auch schon erschienene Folgen - alle aufgelistet im Textheft - gehören in jede Sammlung von Orgel-CDs.

G Corrette, Dandrieu: "Messe du 8e ton & Magnificat"
David Ponsford, Orgel
Nimbus NI6438 (© 2023) details

Freitag, 12. April 2024

The Queen's Masque - ensemble feuervogel



Im Jahre 1601 erschien in England eine Sammlung von 23 Madrigalen unter dem Titel The Triumphs of Oriana. Die Madrigale stammten von den angesehensten Komponisten der Zeit und waren der damaligen Königin Elisabeth I. gewidmet. Jedes Madrigal endet mit den gleichen Worten (allerdings mit einigen Varianten): "Da sangen die Hirten und die Nymphen der Diana, "Lang lebe die holde Oriana!"" 'Oriana' war die Heldin des Ritterromans Amadis de Gaul, mit der Elisabeth gleichgesetzt wurde. Und es war angemessen, dass die Nymphen und Hirten der Diana, der Göttin der Keuschheit, das Lob der unverheirateten Elisabeth, der 'jungfräulichen Königin', sangen. Drei dieser Madrigale sind zu hören im Programm, das das ensemble feuervogel (dessen Name auf Initiale verzichtet) aufgenommen hat. Es ist ganz der Königin gewidmet, aus der Überlegung heraus, dass es damals ziemlich ungewöhnlich war, dass eine Frau Staatsoberhaupt war. "Queen Elizabeth I. nahm die Kraft der Künste zu Hilfe, um sich selbst als weibliche Herrscherin zu inszenieren und zu legitimieren. Das Genre der englischen Masque, ein Spektakel der Künste und Herrscherlob zugleich, war dafür wie geschaffen. Ensemble feuervogel präsentiert die musikalischen Abdrücke dieser politischen und gesellschaftlichen Emanzipation und transformiert dabei die Form der Masque als Struktur dieser Einspielung in die Moderne", so ist im Textheft zu lesen.

Da gibt es zwei Probleme: ein selbstgemachtes und eines, das aus der Überlieferung hervorgeht. Das erste ist, dass nur einige Lieder sich direkt auf Elisabeth beziehen, wie die drei Madrigale aus der obengenannten Sammlung und, beispielsweise, das Lied Eliza is the fairest Queen von Edward Johnson. In anderen Fällen ist die Beziehung der Fantasie der Interpreten zuzuschreiben. Ob das überzeugt, soll der Hörer selbst entscheiden. Mich haben die Verbindungen nicht überzeugt.

Das zweite Problem liegt in der Natur der Masque. Diese Gattung vereinte Tanz, Musik, Szenerie und Schauspiel, und lässt sich kaum rekonstruieren. Welche Musik genau gespielt wurde, ist nicht bekannt, und es ist kaum Musik überliefert, die dabei gespielt wurde. Dann bleibt wohl wenig Anderes übrig, als sich anderen Gattungen von Instrumentalmusik zuzuwenden, und das Ensemble hat sich für die Consortmusik entschieden. In der Zeit der Elisabeth ist ein umfangreiches Repertoire an Consortmusik entstanden, das auf Gamben, Blockflöten oder in einer Mischung von Instrumenten verschiedener Familien gespielt werden konnte. Hier erklingen Blockflöten, verstärkt von einer Laute und Schlagzeug. Und dabei kommt dann ein Problem der Interpretation an die Oberfläche: in fast jedem Stück kommt Schlagzeug zum Einsatz. Es liegt auf der Hand, dass bei Masques Schlagzeug verwendet wurde, aber man sollte das nicht übertreiben. Eben das ist hier das Problem. In einigen Stücken ist es durchaus angebracht, Schlagzeug zu verwenden, in vielen anderen viel weniger oder gar nicht, wie im schon genannten Lied von Edward Johnson.

Die Lieder werden von der Sopranistin Carine Tinney gesungen, und das macht sie ziemlich gut; sie hat eine schöne Stimme, die zur Musik passt. Leider verwendet sie etwas zuviel Vibrato. Die Balance zwischen Stimme und Blockflöten ist wie sie sein sollte. Es ist schade, dass auf eine historische Aussprache verzichtet wurde. Das hat zur Folge, dass Reimworte nicht immer reimen.

Dem Spiel des Ensembles ist nichts auszusetzen, und ich hoffe es öfter zu hören. Leider hat das Programmkonzept mich nicht überzeugt und der aufdringliche Rolle des Schagzeugs hat mir den Spass an diese Produktion gehörig versaut.

"The Queen's Masque - A female representation of power in English 16th century consort music"
Carine Tinney, Sopran; ensemble feuervogel; Ziv Braha, Laute
Coviello Classics COV92309 (© 2023) details

Freitag, 29. März 2024

CPE Bach: Sonaten für Klavier und Violine - Kristian Bezuidenhout, Rachel Podger

In meiner CD-Sammlung habe ich eine stattliche Zahl von Aufnahmen der Sonaten für Cembalo und Violine von Johann Sebastian Bach. Fast jedes Jahr erscheint eine neue Aufnahme, und die Liste der verfügbaren Aufnahmen wächst stetig. Im Vergleich schneiden die Sonaten für die gleiche Besetzung, die Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel zu Papier gebracht hat, viel weniger gut ab. Sie sind zwar alle auf CD erschienen, und vor einigen Jahren erschien eine Gesamtaufnahme des Duos Belder Kimura (Resonus Classics, 2017), aber in Konzerten hört man sie kaum und sie gehören bei weitem nicht zum Standardrepertoire. Wer sie kennt, mag sich wundern, was die Ursache sein könnte. Auf jeden Fall ist es positiv zu bewerten, wenn Musiker der Spitzenklasse wie Kristian Bezuidenhout und Rachel Podger sich diesen Sonaten widmen.

Sie bieten eine Übersicht des Schaffens von Emanuel Bach in dieser Besetzung. Das Programm fängt mit der Sonate in G-Moll an, die früher dem Vater zugeschrieben und als BWV 1020 in den Schmieder-Katalog aufgenommen wurde. Später hat man dieses Werk dem Sohn zugeschrieben, aber es gibt keine Sicherheit über die Autorschaft. Daher ist es zu bedauern, dass die BWV-Nummer in der Trackliste gar nicht erwähnt wird. Falls sie von Emanuel stammt, hat er sie vielleicht unter Aufsicht seines Vaters komponiert, wie auch die Sonate in D-Dur (Wq 71), die das Programm abschliesst. Dazwischen stehen zwei Sonaten einer Gruppe von vier, die 1763 entstanden sind, sowie die Arioso con variazioni des Jahres 1780. In letzterem Werk zeigt sich vor allem die Empfindsamkeit, die als Merkmal des Schaffens von Emanuel Bach gilt. Die Sonate in H-Moll (Wq 76) ist ein dramatisches Werk, vor allem wegen der Interventionen der Geige. Der Mittelsatz der Sonate in C-Moll (Wq 78) ist sehr ausdrucksreich.

Man kann es diesen beiden Künstlern überlassen, die Merkmale der Sonaten ans Tageslicht zu bringen. Ihr Spiel ist makellos, und sie harmonieren perfekt. Sie machen klar, dass diese Sonaten zu Unrecht vernachlässigt werden. Deswegen würde ich diese Aufnahme gerne empfehlen, wenn es da nicht einen Haken gäbe. In den zwei frühesten Sonaten spielt Bezuidenhout ein Cembalo, und das ist zweifellos richtig. In der Arioso spielt er ein Fortepiano, und angesichts der Zeit der Entstehung ist das plausibel. Allerdings ist die Wahl einer Kopie eines Walter-Flügels des Jahres 1805 alles andere als plausibel. Dieses Instrument versetzt uns in die Klangwelt von Beethoven. Schlimmer noch ist, dass Bezuidenhout dieses Instrument auch benutzt in den Sonaten von 1763. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass Emanuel damals schon das Fortepiano gespielt hat, und wenn schon, dann einen Silbermann, und das ist eben ein ganz anderes Instrument als ein Walter.

Es ist mir ein Rätsel, weshalb Musiker, die sich der historischen Aufführungspraxis versprochen haben, sich so wenig um die Verwendung 'historisch korrekter' Instrumente scheren. Bezuidenhout ist gewiss nicht der Einzige. Wie gut hier auch gespielt wird, die Wahl des Fortepianos tut der Überzeugungskraft der Interpretation erheblichen Abbruch.

CPE Bach: "Sonatas for Keyboard & Violin"
Kristian Bezuidenhout, Cembalo, Fortepiano; Rachel Podger, Violine
Channel Classics CCSSA41523 (© 2023) details

Freitag, 1. März 2024

Le berger innocent - Ensemble Danguy



Im 18. Jahrhundert entstand ein lebhaftes Interesse an Musik, die für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region charakteristisch war. Es war die Zeit der Aufklärung, die das Wissen der Menschen erweitern möchte und die Bedeutung des Lernens betonte. Dies führte zu einer Untersuchung unbekannter Kulturen, insbesondere aussereuropäische. Dies erklärt die Stellen von Türken, 'Indianern' oder Inkas in der französischen Musik des 18. Jahrhunderts. Das bekannteste Beispiel ist Jean-Philippe Rameaus Oper Les Indes galantes. Komponisten interessierten sich auch für die traditionelle Musik ihres eigenen Landes. In England zeigten mehrere Komponisten Interesse an traditioneller Musik aus Schottland, sogar Einwanderer wie Francesco Geminiani. Damit einher ging eine zunehmende Sehnsucht nach 'Natürlichkeit', wie sie etwa bei Giuseppe Tartini, aber auch bei Christoph Willibald von Gluck im Bereich der Oper zum Ausdruck kommt.

In Frankreich idealisierten Maler, Schriftsteller und Komponisten das natürliche und einfache Leben auf dem Lande. Das Wort champêtre taucht immer wieder in Musikwerken auf. Zwei Instrumente galten als typisch für das Landleben: die Vielle (Drehleier) und die Musette. Komponisten von Ruf, die wir heute noch kennen, wie Joseph Bodin de Boismortier, haben dafür Musik komponiert, aber die virtuosesten Stücke stammen von Spezialisten auf diesen Instrumenten, deren Namen fast ganz vergessen sind, wie Monsieur Ravet, Jean-Baptiste Dupuits und Jean-François Boüin. Dank Tobie Miller werden sie hetzutage wieder zu einiger Bekanntheit verholfen. Mit ihrem Ensemble Danguy hat sie vor einigen Jahren eine CD aufgenommen mit Sonaten, die zeigen wie hochentwickelt die Kunst des Spiels auf der Drehleier war, und dass es alles andere als ein 'primitives' Instrument ist. Auf ihrer neuesten CD wird das Repertoire ausgeweitet mit Stücken für zwei Drehleier (die zweite wird von Alice Humbert gespielt) und für Drehleier und Musette; letzteres Instrument spielt François Lazarevitch. Dazu kommen noch einige Vokalwerke, in der Monika Mauch zu hören ist. Die sogenannten cantatilles (kleine Kantaten) sind relativ einfach, und sind zweifellos für musikalische Laien bestimmt. Die Sonaten dagegen gehen wohl weit über ihre Fähigkeiten hinaus, und sind für Profis gedacht.

Diese Produktion bietet ein faszinierendes Bild der französischen (Musik)-Kultur, und beleuchtet einen Aspekt, den wir vielleicht aus den Büchern und Gemälden kennen, der in der Musik aber selten Beachtung findet. Tobie Miller ist eine echte Virtuosin auf ihrem Instrument, und ihr Spiel ist oft schlicht atemberaubend. Ihre Kollegen stehen ihr in nichts nach. Monika Mauch ist eine versierte Sängerin, und es ist immer eine Freude, sie zu hören. Schön, dass hier eine historische Aussprache gepflegt wird. Insgesamt ist diese CD eine echte Bereicherung der Diskographie und das Programm ist von Anfang bis Ende unterhaltsam, wegen der Qualität der Musik und des Niveaus der Interpretation.

"Le berger innocent"
Ensemble Danguy/Tobie Miller
Ricercar RIC 448 (© 2024) details

Mascitti: Triosonaten Op. 1 - Musica Elegentia

Im 18. Jahrhundert machten viele italienische Musiker und Komponisten sich auf den Weg zu anderen Teilen Europas, inbesondere England und ...