Freitag, 27. Februar 2026

Hammerschmidt: Du bist schön und lieblich - Clematis


Im Laufe der Geschichte übten die Texte des Hohelieds – eines der Bücher des Alten Testaments – eine starke Anziehungskraft auf Komponisten aus. Ein Grund dafür ist die ausdrucksstarke Sprache, mit der die Liebe eines jungen Mannes und einer jungen Frau beschrieben wird. Seit alten Zeiten wurden diese Texte allegorisch gedeutet, was erklärt, warum sie häufig von Komponisten geistlicher Musik wie Lassus und Palestrina vertont wurden. Während die katholische Kirche die junge Frau mit Maria und Christus mit dem jungen Mann, der die Kirche repräsentiert, gleichsetzte, kehrte Martin Luther zur allegorischen Deutung der frühen Kirche zurück.

In der katholischen Kirche herrschte eine gewisse Zweiteilung hinsichtlich des Hohelieds. Man befürwortete die allegorische Interpretation und hielt die Texte für nützlich zur Stärkung des Glaubens der Gläubigen, doch gerieten verschiedene Übersetzer in die Volkssprache in Konflikt mit den kirchlichen Autoritäten. Eine ähnliche Ambivalenz lässt sich auch in lutherischen Kreisen beobachten. Der Theologe Johann Gerhard erklärte in seinem „Vorwort zum christlichen Leser“ zu Melchior Francks „Geistliche Gesänge und Melodeyen“ von 1608 den Text für ungeeignet für Kinder. Die hier besprochene CD bietet eine Auswahl von Stücken aus dem lutherischen Teil Deutschlands. Im Mittelpunkt des Programms steht Andreas Hammerschmidt, der seit einigen Jahren verstärkt Beachtung findet.

Was wäre naheliegender gewesen, als sich einer Sammlung geistlicher Dialoge zuzuwenden, in der das Hohelied eine zentrale Rolle spielt – allerdings nicht in Luthers Bibelübersetzung, sondern in der von Martin Opitz, dem bedeutendsten Dichter jener Zeit? Man entschied sich jedoch, diese Sammlung von 1645 zu ignorieren. Jérôme Lejeune schreibt im Textheft: "Sie sind alle in Strophenform komponiert, deren Wiederholung sehr schnell zu einem gewissen Überdruss führt. Das ganze Werk ist recht kühl gehalten, als ob Hammerschmidt versucht hätte, musikalisch jegliche in den Texten enthaltenen Emotionen zu vermeiden. (...) Wir sind schließlich zum Entschluss gekommen, kein einziges Stück aus dieser Sammlung von 1645 zu übernehmen (...)". Da ich diese Dialoge nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, ob Lejeunes Einschätzung zutrifft.

Ein Grund, diese Sammlung zu ignorieren, ist das gewählte Konzept des Programms. Ich zitiere Lejeune erneut: "Das Programm dieser Aufnahme ist in gewisser Weise wie eine kleine geistliche Oper aufgebaut, die den Hörer nach und nach zur Begegnung der beiden Liebenden führt. In allen ausgewählten Texten ist zu erkennen, dass die zwei Protagonisten einander suchen, sich bemühen, einander zu finden, einander heimlich beobachten, ihre gegenseitige Bewunderung ausdrücken, und all dies geschieht vor dem Hintergrund einer üppigen, mit ihnen fühlenden Natur." Selbstverständlich haben Interpreten das Recht, ein Konzept nach ihren Vorstellungen zu entwickeln und ein entsprechendes Programm zusammenzustellen, solange es der gewählten Musik nicht schadet. In diesem Fall führt das Konzept jedoch zu einigen fragwürdigen Entscheidungen hinsichtlich der Aufführungspraxis.

Das ist insbsondere der Fall in Ich bin eine Blume zu Saron von Johann Philipp Krieger. Dieses geistliche Konzert ist formal nicht als Dialog angelegt, obwohl die beiden Personen im Text abwechselnd auftreten. Dennoch ist das Stück für zwei Soprane gesetzt. Die zweite Stimme wird hier vom Tenor gesungen, denn "es scheint ziemlich logisch, die Parts auf zwei verschiedene Stimmen zu verteilen, zumal die zentrale Rezitativstelle in zwei Abschnitte unterteilt ist, aus denen klar hervorgeht, dass sie jeweils für den Mann oder die Frau des Liebespaares bestimmt sind." Es gab aber im Barock keine Verbindung zwischen dem Geschlecht von Personen in einem Musikwerk und dem Geschlecht der Interpret*innen. Man denke an das Konzert Nigra sum in Monteverdis Marienvesper: die Worte der jungen Frau werden von einem Tenor gesungen.

Das 'theatralische' Konzept führt auch dazu, dass Kontraste künstlich benachdruckt werden. Siehe mein Freund von Thomas Strutz ist ein Dialog für zwei Stimmen, der, wie Lejeune treffend bemerkt, durchaus theatralische Züge aufweist. Leider haben die Ausführenden dies durch Änderungen in der Instrumentierung noch verstärkt. Sie haben das Ensemble mit zwei Bratschen erweitert – und damit die 'italienische' Besetzung von zwei Violinen und Basso continuo zunichtegemacht – und diese dem Tenor zugeteilt.

Etwas Vergleichbares findet man in Hammerschmidts Mein Freund ist mein und ich bin sein. Der Text ist auf die beiden Sänger aufgeteilt, die zweifellos den Liebenden bzw. die Geliebte verkörpern. Der Kontrast wird durch die Instrumentalbesetzung betont: Der Sopran wird von Violinen, der Tenor von Bratschen begleitet. "Die allgemeine Form ähnelt einem 'Rondeau'. Die Wiederkehr seines Themas haben wir durch eine hinzugefügte Blockflöte hervorgehoben." Meiner Meinung nach macht das keinen Sinn, und es wirkt zu demonstrativ. Ich mag es nicht, wenn Interpreten meinen, dem Zuhörer unbedingt aufdrängen zu müssen, was er hören soll.

Diese und andere, wie bereits erwähnte, fragwürdige Entscheidungen der Interpreten trüben den ansonsten durchaus guten Eindruck dieser Produktion. Sie sind teilweise einem Konzept geschuldet, das der Bedeutung der Musik nichts hinzufügt. Dennoch schmälert dies nicht meine große Wertschätzung für diese Produktion. Das Programm besteht größtenteils aus unbekannten Stücken, und da ich seit Langem von Hammerschmidts Qualitäten überzeugt bin, freue ich mich, dass diese CD einen weiteren Schritt in der Neubewertung seines Schaffens darstellt. Die hier enthaltenen Stücke zeugen von seinem Können in der Vertonung sakraler Texte. Die Werke anderer Komponisten stehen ihm in nichts nach.

Die Interpretationen könnten kaum besser sein. Ich habe Capucine Keller schon mal gehört und festgestellt, dass sie sich stilistisch in Barockmusik gut auskennt. Sie verfügt über eine wunderschöne Stimme, und dank ihrer perfekten Diktion, makellosen Interpretation der ausgeschriebenen Verzierungen und ihrer effektvollen Anwendung dynamischer Schattierungen, machen ihre Darstellungen viel Eindruck. Maxime Melnik war mir bisher unbekannt, und ich mag seine Stimme und seinen Gesangsstil. Seine Aussprache und sein Vortragsstil passen hervorragend zur Musik. In den Duetten harmonieren die beiden Stimmen perfekt. Die Instrumentalisten sind sich des Inhalts der Stücke sehr bewusst, und ihr Spiel ist exzellent. Wer sich für diese Art von Musik interessiert, sollte diese CD unbedingt in seine Sammlung aufnehmen.

Ich möchte hinzufügen, dass ich in meinen Besprechungen auf diesem Weblog nicht auf alle Aspekte einer CD-Produktion eingehen kann. Dem Leser, der mehr Einzelheiten erfahren möchte, weise ich gern darauf hin, dass ausführlichere Besprechungen auf englisch später auf meiner Internetseite erscheinen.

Andreas Hammerschmidt: "Du bist schön und lieblich"
Capucine Keller, Sopran; Maxime Melnik, Tenor; Clematis/Yoann Moulin & Stéphanie de Failly
Ricercar RIC 479 (© 2025) Details

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