Freitag, 20. Februar 2026
Riccio: Geistliche und Instrumentalmusik - Estrovagante Ensemble
Giovanni Battista Riccio (1563-nach 1620) ist ein bekannter Komponist. Seine Werke erscheinen regelmäßig in Konzertprogrammen und auf Sammel-CDs. Bis zur Veröffentlichung der hier besprochenen Poduktion gab es jedoch anscheinend keine Aufnahme, die sich ausschließlich seinem Schaffen widmete. Das ist nicht verwunderlich: sein erhaltenes Werk ist nicht umfangreich, und die beiden Sammlungen, denen die vorliegende CD gewidmet ist, enthalten einige unvollständige Stücke. Um sie aufführen zu können, waren Rekonstruktionen notwendig.
Über Riccio ist wenig bekannt. Sein Todesjahr ist unbekannt, genauso wenig wer seine Lehrer gewesen sind. Fest steht jedoch, dass sein Werk stark von Giovanni Gabrieli beeinflusst ist; mehrere seiner Kompositionen sind (teilweise) Bearbeitungen von Stücken Gabrielis. 1609 wurde Riccio zum Organisten der venezianischen Bruderschaft San Giovanni Evangelista ernannt, obwohl er, wie sein Vertrag ausweist, von Beruf Geiger war. Das ist alles, was über seine Karriere bekannt ist.
Sein Oeuvre umfasst drei Bücher mit dem Titel Divini lodi musicali, die zwischen 1612 und 1620 veröffentlicht wurden. Sie enthalten Instrumentalstücke und geistliche Vokalwerke: Konzerte, eine Messe und ein Magnificat. Wie man vielleicht weiss, wurde Musik zu jener Zeit meist in separaten Stimmheften und nicht als Partitur gedruckt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass einige Stimmhefte verloren gegangen sind. Dies trifft auch auf die ersten beiden Sammlungen von Riccio zu. Bei genauerer Betrachtung ist die Anzahl der unvollständigen Stücke jedoch nicht allzu hoch, und deswegen gibt es kaum einen Grund, diese beiden Sammlungen fast vollständig zu ignorieren. Es scheint, dass sich die meisten Ensembles auf die dritte Sammlung beschränken.
Die Instrumentalstücke sind zumeist Canzonas im stylus phantasticus für zwei Instrumente und Basso continuo. Wie damals üblich, wird die Wahl der Instrumente den Interpreten überlassen. Das Estrovagante Ensemble entschied sich für Geigen.
Die Vokalwerke sind für ein bis vier Stimmen gesetzt. Sie werden hier in solistischer Besetzung dargeboten. Das entspricht dem Charakter dieser Werke, vor allem wegen der deklamatorischen Schreibweise und der Tatsache, dass die meisten Stücke für weniger als vier Stimmen gesetzt sind. Auch hier gibt es einige Freiheiten in der Besetzung. Manche Partien können entweder mit Sopran oder mit Tenor aufgeführt werden.
Dass einige Stücke rekonstruiert werden mussten, wurde bereits erwähnt. Die Vorgehensweise wird im Textheft erläutert. Selbstverständlich ist jede Rekonstruktion zum Teil spekulativ, und es wird nicht behauptet, dass diese Rekonstruktionen 'authentisch' seien. Die Entscheidungen wurden jedoch mit größter Sorgfalt und unter Berücksichtigung von Riccios Stil und den Gewohnheiten seiner Zeit getroffen. Meiner Meinung nach klingen sie sehr überzeugend. Es ist erfreulich, dass die Interpreten sich so viel Mühe gemacht haben, um die unvollständigen Stücke zur Aufführung bringen zu können.
Wegen der Qualität der Musik von Riccio ist diese Aufnahme höchst willkommen, und glücklicherweise kommen diese Qualitäten in der Interpretation voll zum Tragen. Die vier Sänger*innen bringen hervorragende Leistungen: sie beherrschen die Kunst der Deklamation, die für jeden Interpreten dieses Repertoires unerlässlich ist. Ihre Stimmen mischen perfekt, was angesichts der Tatsache, dass die meisten Stücke für zwei bis vier Stimmen geschrieben sind, von grosser Bedeutung ist. Lediglich hätte die dynamische Differenzierung etwas stärker sein können. Auch die Instrumentalisten sind erstklassig. Die Canzonen werden hervorragend interpretiert. Besonders erfreulich ist, dass zwei zweistimmige Stücke in zwei Fassungen vorliegen: zunächst im Original mit zwei Sängern und anschließend in einer Fassung, in der die Violine die Oberstimme übernimmt und mit Diminutionen versieht.
Fazit: Diese CD ist ein wichtiger Schritt hin zu einem umfassenderen Bild eines Komponisten, der weit mehr als nur einige Canzonen hinterlassen hat. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Vokalmusik von Riccio aufgenommen wird.
Giovanni Battista Riccio: "Vocem iucunditatis - Sacred and Instrumental Music"
Estrovagante Ensemble/Riccardo Doni
Dynamic CDS8080 (© 2025) Details
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