Donnerstag, 5. Februar 2026

Chromatische Renaissance - EXAUDI Vocal Ensemble


Kürzlich rezensierte ich eine CD mit Musik von Francesc Valls (ca. 1671–1747). Das bemerkenswerteste Stück darauf ist die Composicion Enharmonica para Instrumentos de Arco, die ausschließlich aus mikrotonalen Intervallen besteht. Die hier besprochene CD führt uns zurück in die Zeit, als die ersten Kompositionen dieser Art entstanden. Das Programm des Exaudi Vocal Ensemble ist von dem Komponisten solcher Stücke inspiriert, der die Verwendung der Enharmonik in einer 1555 veröffentlichten Abhandlung darlegte. Nicola Vicentino demonstrierte sie mit mehreren Beispielen. Leider sind diese – meistens Auszüge aus seinen eigenen Madrigalen – so gut wie die einzigen Belege für die Verwendung der Enharmonie aus seiner Feder.

Vicentino hat die Enharmonie nicht "erfunden". Als Renaissance-Musiker orientierte er sich an der griechischen Antike. Die Vertreter der Renaissance sahen in den vermeintlichen ästhetischen Idealen der Griechen etwas, das es wiederzubeleben galt. Dies war zwar höchst spekulativ, führte aber zu einer lebhaften Debatte, deren bekannteste die zwischen Vicentino und dem portugiesischen Komponisten Vicente Lusitano im Jahr 1551 in Rom war. Vicentino verlor diese Debatte zwar, doch das hielt ihn nicht davon ab, seine Ansichten in der oben erwähnten Abhandlung darzulegen. Hier seine Auffassungen darzulegen, führt zu weit, zumal diese ziemlich schwierig zu verstehen sind.

Abgesehen von den Werken Vicentinos ist das Programm von der Chromatik geprägt. Auch sie war eine Erfindung des frühen 16. Jahrhunderts und sollte zu einem festen Bestandteil des Repertoires von Komponisten werden. Man kann sich in diesem Zusammenhang immer fragen, ob Komponisten sie als eine Art Experiment – ​​Chromatik als Ziel in sich selbst – oder aus expressiven Gründen einsetzten. Das Programm enthält einige der Prophetiae Sibyllarum von Orlandus Lassus, in denen er die Chromatik ausgiebig nutzt, obwohl die Texte sie kaum erfordern. Die Gründe für die Chromatik in seiner Motette Timor et tremor sind unbestreitbar: „Furcht und Zittern haben mich befallen, und Finsternis ist über mich gekommen. Sei mir gnädig, Herr, denn auf dich habe ich mein Vertrauen gesetzt.“

Ebenso überraschend, angesichts seiner in der Debatte mit Vicentino geäußerten Ansichten, komponierte Lusitano eine Motette, die fast ganz chromatisch ist. Sie endet mit einer vollständigen absteigenden chromatischen Tonleiter über eine Oktave und eine Quinte, die von der Cantus- zur Bassus-Stimme übergeht. James Weeks, Leider des Exaudi Vocal Ensemble, charakterisiert sie als eine „extreme technische Übung“. Der Text liefert jedoch jeden Grund für die Verwendung von Chromatik: „Wehe mir, Herr, denn ich habe zu viel gesündigt in meinem Leben. Was soll ich, elender Mensch, tun? Wohin soll ich fliehen, wenn nicht zu dir, mein Gott? Errette mich, Herr, vom ewigen Tod an jenem schrecklichen Tag, an jenem Tag, da Himmel und Erde erbeben werden.“ Dies ist eine klare Anspielung auf das Dies irae aus der Totenmesse.

Das Programm schließt mit Madrigalen von zwei der bedeutendsten Madrigalkomponisten der Renaissance (Cipriano de Rore, Luca Marenzio) und einem Komponisten am Beginn einer neuen Ära: Luzzasco Luzzaschi. Die drei Madrigale von Rore belegen, warum er als einer der einflussreichsten Madrigalkomponisten des 16. Jahrhunderts galt und zu jenen zählte, die eine enge Verbindung zwischen Text und Musik anstrebten. Hier ist der Chromatikgebrauch gänzlich vom Text inspiriert. Giulio Cesare Monteverdi, Claudios Bruder, behauptete 1607 sogar, die seconda pratica habe ihren Ursprung in Rores Werk. Die beiden Madrigale von Marenzio sind Vertonungen von Texten Petrarcas. Solo e pensoso, sein berühmtestes Madrigal, beginnt mit einer chromatischen Linie in der Oberstimme, wobei die Chromatik erst später wiederkehrt. Auch ohne sie ist dieses Stück ein harmonisches Durcheinander, das den Inhalt widerspiegelt. Bei Luzzaschi tritt die seconda pratica in Erscheinung. Die beiden hier enthaltenen Madrigale verzichten auf den Generalbass, die Luzzaschi in anderen Werken verwendet, sind aber in ihrer Textbehandlung deklamatorischer als die Werke von Rore und Marenzio.

Obwohl das Exaudi Vocal Ensemble auch alte Musik aufführt (es hat Madrigale von Gesualdo aufgenommen), liegt der Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf der Aufführung moderner und zeitgenössischer Musik. Angesichts der Harmonik in diesem Repertoire ist es nicht verwunderlich, dass es sich auch für das hier dargestellte Repertoire interessiert. In beiden Bereichen ist eine präzise Intonation unerlässlich, und genau das zeichnet diese Darbietungen aus. Die regelmäßige Zusammenarbeit der Sänger*innen trägt maßgeblich zum makellosen Zusammenklang des Ensembles bei. Erfreulicherweise werden die Besonderheiten der einzelnen Stücke nicht demonstrativ hervorgehoben: Die Musik wird so gesungen, wie sie zu uns kommt. Die Programmerläuterung weist auf die Besonderheiten jedes Stücks hin, was sehr hilfreich ist. Leider sind die Gesangstexte nur auf der Internetseite des Labels zu finden, und fehlt da eine deutsche Übersetzung.

Diese faszinierende CD, die eine wenig bekannte, aber äußerst wichtige Epoche der Musikgeschichte beleuchtet, verdient einen Platz in jeder Sammlung von Renaissancemusik.

"Chromatic Renaissance"
EXAUDI Vocal Ensemble/James Weeks
Winter & Winter 910 293-2 (© 2025) Details

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Chromatische Renaissance - EXAUDI Vocal Ensemble

Kürzlich rezensierte ich eine CD mit Musik von Francesc Valls (ca. 1671–1747). Das bemerkenswerteste Stück darauf ist die Composicion Enh...