Freitag, 29. Mai 2026
Österreichische Cembalomusik des späten 17. Jahrhunderts - Agata Meissner
Im 17. und 18. Jahrhundert war der Wiener Kaiserhof ein musikalisches Zentrum. Er war ganz im Bann des italienischen Stils, und die meisten Komponisten, die dort tätig waren, stammten aus Italien. Konzerte und Aufnahmen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Vokal- und Instrumentalmusik, die am Hof komponiert und aufgeführt wurde. Im Vergleich dazu findet die am Hof und – allgemeiner – in Österreich und Süddeutschland entstandene Musik für Tasteninstrumente weniger Beachtung. Die wichtigsten Ausnahmen bilden Alessandro Poglietti und Johann Caspar Kerll, die beide auf der hier besprochenen CD vertreten sind. Doch auch in ihrem Werk finden sich wenig bekannte Stücke, und das gilt auch für Georg Muffat, von dem fast nur seine Sammlung Apparatus musico-organisticus bekannt ist.
Johann Caspar Kerll eröffnet das Programm, und das ist verständlich, denn er studierte in Italien, was sein Kompositionsstil stark beeinflusste, und er hat folgende Generationen von Komponisten tiefgreifend beeinflusst. Sein Toccata 5ta ist ein Beispiel des stylus phantasticus, der seinen Ursprung in Italien fand. Das gilt auch für die Toccata ex d des unbekannten Johann Pader.
Relativ bekannt dagegen ist Alessandro Poglietti, und das hat er vor allem seiner programmatischen Musik zu verdanken. Eines seiner bekanntesten Werke ist Rossognolo, das fast eine Stunde dauert und das er für Kaiserin Leonora I. komponierte, aus Anlass ihrer Hochzeit mit Kaiser Leopold I. im Jahre 1677. Viel bescheidener in Ausmass ist die Toccata fatta sopra l'assedio di Filipsburgo, die sich auf die kaiserliche Belagerung von Philippsburg im Jahr 1676 während des Französisch-Niederländischen Krieges bezieht. Unbekannt ist Alter Weiber-Krieg am Wiener Graben, das endet mit einem Satz unter dem Titel "Alte Weiber geschmurgel auf den Wiener Graben". Die Tänze werden von Abschitten mit der Bezeichnung Parte getrennt. In diesem Stück gibt es militärische Motive. Der fünfte Track enthält eine Passage mit schnell wiederholten Noten in der rechten Hand. Könnte das eine Darstellung streitender Frauen sein?
Mit der anonymen Wiener Lamentation bleiben wir bei der programmatischen Musik. Der Titel verrät nicht, worum es in der Klage geht; dies offenbart sich jedoch im zweiten Satz, dem „Türkischen Marsch“. Dieser Titel deutet darauf hin, dass sich das Stück auf die türkische Belagerung Wiens des Jahres 1683 bezieht, der Poglietti zum Opfer fiel. Es war ein dramatisches und traumatisches Ereignis, das ganz Europa erschütterte. Dem Marsch folgt ein Stück namens "Pauken".
Programmatische Musik kennen wir von Heinrich Ignaz Franz Biber. Das ist alles Musik für ein Instrumentalensemble. Agata Meissner spielt aber hier ein Cembalowerk, das ihm zugeschrieben wird. Seine Autorschäft lässt sich allerdings nicht zweifelsfrei belegen. Auch von Georg Muffat erklingt ein unbekanntes Werk, das sich in Handschrift erhalten hat. Er war ein Exponent des "vermischten Geschmacks", da er bei Lully studiert hat und in Rom bei Pasquini, wo er auch die Musik von Corelli hörte. In seiner hier aufgenommenen Suite überwiegt aber der französische Stil. Letztlich gibt es noch Stücke von zwei kaum bekannten Komponisten: Georg Reutter dem Älteren und Franz Matthias Techelmann.
Agata Meissner ist nicht nur eine Interpretin, sondern auch eine Wissenschaftlerin, und das zeigt sich in ihrer Behandlung des Repertoires. Sie spielt drei verschiedene Instrumente, jeweils eines, das am besten zum Repertoire passt. Das hat übrigens nicht nur stilistische, sondern auch technische Gründe. In der Biber zugeschriebenen Suite gibt es solch breite Akkorde in der linken Hand, dass sie nur auf einem Instrument mit kurzer Oktave greifbar sind. Ihre wissenschaftliche Einstellung hat aber keineswegs in eine akademische Darstellung gemündet. Ihr Spiel ist sehr lebendig. Die programmatischen Stücke werden mit Schwung und Fantasie gespielt, und die von den Komponisten beabsichtigten Effekte kommen perfekt zur Geltung. Auch die Kontraste innerhalb der Stücke im stylus phantasticus und die improvisatorischen Episoden werden überzeugend umgesetzt.
Agata Meissner verdient höchstes Lob sowohl für die Auswahl ihres Repertoires als auch für ihre hervorragenden Darbietungen.
"Austrian Harpsichord Music of the Late 17th Century"
Agata Meissner, harpsichord
Dux 2159 (© 2025) Details
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