Freitag, 22. Mai 2026
Le Coeur et la Raison: Clérambault, Lalouette - La Néréide
Jeder Musikliebhaber kennt das Ospedale della Pietà in Venedig, wo Antonio Vivaldi als Musiklehrer wirkte. Es war ein Heim für Waisenmädchen, nahm aber auch Mädchen auf, deren Eltern zu arm waren, um für sie zu sorgen. Hier erhielten sie eine umfassende Bildung, in der die Musik eine wichtige Rolle spielte. Solche Einrichtungen gab es auch in anderen Ländern. Eine davon war das Maison Royale St-Louis de Saint-Cyr – ein Dorf westlich von Versailles –, das 1686 eröffnet wurde und die Töchter verarmter Offiziere und Adliger erziehen sollte. Es bestand bis 1793.
Diese Einrichtung inspirierte die drei Damen des Ensembles La Néréide zu der Aufnahme, die Gegenstand dieser Rezension ist. Im Textheft schreiben Camille Allérat, Julie Roset und Ana Vieira Leite: "In Le Cœur et la Raison wird das Schicksal einer jungen Frau erdacht, die aus einem verarmten französischen Adelsgeschlecht stammt und zu den Demoiselles de Saint-Cyr geschickt wird. Dort erhält sie eine sorgfältige, vor allem musikalische Ausbildung in der Maison Royale de Saint-Louis, die unter dem direkten Schutz von Ludwig XIV. und Madame de Maintenon steht."
Es ist immer schön, wenn Konzertprogramme oder Aufnahmen historische Ereignisse oder Institutionen zum Leben erwecken wollen. Leider haben sie oft ein recht problematisches Verhältnis zu den historischen Fakten. Das ist auch hier nicht anders.
Die beiden Hauptwerke des Programms sind Vertonungen des Miserere, eines der sieben Bußpsalmen. Die Komponisten sind Louis-Nicolas Clérambault und Jean-François Lalouette. Clérambault wurde im März 1715 Organist und Maître de Musique. In diesem Amt trat er die Nachfolge von Guillaume-Gabriel Nivers an, der im Vorjahr verstorben war. Es ist nicht bekannt, wann genau seine Vertonung des Miserere entstanden ist, aber sie wurde nie veröffentlicht, und deswegen scheint es unwahrscheinlich, dass sie im Maison Royale bekannt war zur Zeit der hier aufgeführten 'Geschichte'. Lalouettes Vertonung wurde erst 1730 gedruckt.
Die Anmerkungen im Texheft fahren fort: "Das ganze Jahr über durch den strengen Schulalltag eingeschränkt, nimmt unsere junge Dame an der Messe und den Stundengebeten teil und singt die Werke für sich und ihre Mitschüler Nivers und Clérambault. Doch ihre Rückkehr ins Elternhaus für einige Tage im Jahr bietet ihr eine kurze Zeit der Freiheit: In den mondänen Salons der Stadt hört sie die höfischen Melodien, die gerade in Mode sind, und diese Melodien werden dann zu den heimlichen Zeugen ihrer ersten Liebesgefühle." Aber nach dem Stand der Untersuchungen durften die Mädchen das Internat überhaupt nicht verlassen, außer im Falle einer Entlassung, Heirat oder in 'außergewöhnlichen familiären Notfällen'. Das Bild vom Leben eines Mädchens in Saint-Cyr, das die Künstlerinnen zeichnen wollen, entspringt eher der Fantasie als historischen Fakten.
Es gibt noch etwas. Es werden einige airs gesungen, deren weltliche Texte von geistlichen ersetzt wurden, und zwar von einem Pater mit Namen François Berthod. Es wird den Eindruck erweckt, er habe diese Fassungen für Saint-Cyr erstellt. Aber als er sie veröffentlichte, war diese Institution noch gar nicht gegründet worden. Es ist schade, dass mit historischen Fakten so unsorgfältig umgegangen wird. Ein interessantes Projekt wie dieses braucht keine Mythen.
Lalouettes Miserere ist ganz und gar unbekannt, und erscheint hier wohl zum ersten Mal auf CD. Das ist schon Grund genug, sie zu empfehlen, denn es ist ein schönes Werk, das es verdient hat, bekannter zu sein. Clérambault ist ein viel bekannterer Meister, aber es sind vor allem seine weltlichen Kantaten, die auf CD zu haben sind. Seine geistlichen Werke werden viel weniger beachtet. Seine Vertonung zeigt den Einfluss des italienischen Stils, beispielsweise in der Verwendung harmonischer Mittel zum Textausdruck.
Die Interpretinnen haben sich einige Freiheiten erlaubt. Es scheint, dass beide Vertonungen für Solostimmen im Wechsel mit einem Chor gedacht sind. Zumindest in der Ausgabe von Clérambaults Vertonung (verfügbar in der Petrucci Music Library) finden sich Hinweise auf „choeur“. Ob diese als Anweisungen oder eher als Vorschläge zu verstehen sind, ist eine interessante, aber schwer zu entscheidende Frage. Im Falle von Lalouette muss ich mich auf New Grove stützen; die Werkliste enthält den Titel der gedruckten Ausgabe von 1730, die lautet: Le psalme Miserere à grand choeur et l'hymne Veni Creator à 3 voix. Eine weitere künstlerische Freiheit besteht darin, dass in Clérambault die Strophe 'Docebo iniquos vias tuas' a cappella gesungen wird; die Partitur sieht einen Basso continuo vor. Mir ist der Grund für das Weglassen dieser Stimme nicht klar.
Der Rest des Programms besteht aus weltlichen Liedern, in Frankreich als airs sérieux bekannt. Diese Gattung war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des folgenden Jahrhunderts sehr beliebt. Die meisten der hier enthaltenen Lieder sind für Solostimme. Im ersten Lied auf dieser CD wird der Refrain von den drei Stimmen unisono gesungen, aber am Ende gegen sie eigene Wege. Es das eine weitere Freiheit oder ist es vom Komponisten beabsichtigt?
Wie bereits erwähnt, werden einige Lieder mit neuen Texten des oben genannten Paters François Berthod aufgeführt. Der Autor einer Studie dieser Lieder erwähnt, dass dieser Teil des Repertoires von der Forschung nahezu unbeachtet bleibt. Dasselbe gilt für die Interpreten. Ich kann mich nicht erinnern, einige dieser Bearbeitungen je gehört zu haben. Dass einige solcher Lieder hier erklingen, macht diese Produktion umso wichtiger.
Die Arien werden hervorragend interpretiert und lassen die individuellen Qualitäten der drei Sängerinnen bewundern, darunter ihre gute Diktion und Artikulation. Erfreulich ist die historische Aussprache, die in diesem Repertoire noch immer nicht üblich ist. Sie wurden von Marc Mauillon gut beraten. In den beiden Miserere-Vertonungen verwenden sie etwas mehr Vibrato als in ihren vorherigen Einspielungen. Es wird aber mit Augenmass eingesetzt, und in wieweit es hier noch als Verzierung eingeordnet werden könnte, darüber lässt sich diskutieren.
Die Sängerinnen werden von den drei Instrumentalisten perfekt begleitet: Miguel Henry (Laute, Theorbe), Salomé Gasselin (Viola da Gamba) und Emmanuel Arakélian (Orgel). Letzterer spielt in den beiden Misereres eine große Orgel, was eine wertvolle Bereicherung darstellt und der damaligen Praxis entspricht.
Fazit: Diese CD bietet einen sehr interessanten und musikalisch fesselnden Einblick in einen Aspekt der französischen Musik um 1700, der teils wenig oder gar unbekannt ist, und insgesamt hervorragend interpretiert.
"Le Coeur et la Raison - Clérambault, Lalouette"
La Néréide
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