Freitag, 23. Januar 2026

Ingegneri: Motetten für das Kirchenjahr - Gareth Wilson


Eines der Rätsel der Musikszene ist, warum manche Komponisten in der modernen Aufführungspraxis fast völlig vernachlässigt werden, obwohl ihr Werk qualitativ dem ihrer Zeitgenossen, deren Musik zum Standardrepertoire gehört, in nichts nachsteht. Marc'Antonio Ingegneri (c1535/36-1592) ist ein Paradebeispiel dafür. Vor 2020, als Toccata Classics die erste CD eines mittlerweile umfangreichen Projekts veröffentlichte, erschienen seine Werke nur vereinzelt in Sammelprogrammen. Diese erste Aufnahme war ursprünglich gar nicht als Projektbeginn geplant, doch die Begegnung mit Ingegneris Werk weckte offenbar das Interesse von Gareth Wilson, und so entstanden vier weitere CDs mit Musik des Meisters.

Ingegneri wirkte die längste Zeit seines Lebens in Cremona; dort war Claudio Monteverdi sein Schüler, und das ist der Grund, warum Ingegneri bekannt geworden ist. Als Komponist wurde er selten wahrgenommen, und das Projekt, das inzwischen bei der fünften Folge angekommen ist, zeigt, dass er sich als solcher durchaus behaupten kann, neben bekannteren Zeitgenossen, wie Palestrina.

Die vier vorhergehenden Folgen enthielten jeweils eine Messe; die vierte war ausschließlich Musik für die Passionszeit und Ostern gewidmet. Die vorliegende CD umfasst das gesamte Kirchenjahr. Sie beginnt mit dem Advent und endet mit Mariä Himmelfahrt. Ingegneri war ein äußerst produktiver Komponist von Madrigalen. Gareth Wilson entschied sich, keines davon mit seinem Chor aufzuführen (der ohnehin zu gross für solche Musik ist), sondern sich auf geistliche Musik zu konzentrieren. Um jedoch einen Einblick in diesen Teil von Ingegneris Werk zu geben, werden in jeder Aufnahme einige Madrigale in Orgelbearbeitungen aufgeführt. In der vorliegenden Aufnahme verwendet er sie als Einleitung zu zwei Programmteilen, und zwar die Fastenzeit und Karwoche sowie Ostern. Man muss hoffen, dass sich mal ein spezialisiertes Madrigalensemble um diesen Teil des Oeuvres von Ingegneri kümmern wird.

Angesichts der Bedeutung der Marienverehrung im Italien der Renaissance war es unvermeidlich, Stücke über Ereignisse aus ihrem Leben (zumindest gemäss der katholischen Lehre), wie ihre Himmelfahrt, aufzunehmen. Der Dom von Cremona war dieser zudem gewidmet, wie sein Name bereits andeutet: Duomo di Cremona, Cattedrale di Santa Maria Assunta. Virgo prudentissima ist die Antiphon zum Magnificat der ersten Vesper am Fest Mariä Himmelfahrt. In dieser Aufnahme wird sie von den Oberstimmen einen Ganzton über der notierten Tonhöhe gesungen. In der Renaissancemusik war die Tonhöhe nicht festgelegt, doch die Gründe für diese Entscheidung sind wenig überzeugend und eher subjektiv, insbesondere da zu Ingegneris Zeiten alle geistliche Musik von Knaben- und Männerstimmen gesungen wurde. Gleiches gilt für das Responsorium Super salutem, in dem die Oberstimmen gesungen, die Unterstimmen hingegen instrumental gespielt werden.

Mit letzterem sind wir bei einem erwähnenswerten Aspekt dieses Projektes: der Einsatz von Bläsern, entweder zur Unterstützung der Singstimmen oder als deren Ersatz: einige Werke werden instrumental aufgeführt. Es ist schön, dass in solchen Fällen im Textheft trotzdem die Texte abgedruckt wurden. Gleiches gilt für die auf der Orgel gespielten Madrigale. Über den Einsatz von Bläsern lässt sich streiten. Diese Praxis ist bekannt, aber die Frage ist, wie oft und bei welchen Gelegenheiten Bläser eingesetzt wurden. Vielleicht war das nur bei besonderen Gelegenheiten und an wichtigen Festtagen der Fall. Dass hier Musik für eben solche Tage gesungen wird, spricht für eine Beteiligung von Instrumenten. Ob aber jemals ein Chor von über 30 Stimmen eingesetzt wurde, ist fraglich. Es hat aber die Qualität und Überzeugungskraft der Interpretation des Chors von Girton College Cambridge keineswegs geschadet.

Diese CD ist ideal, um Ingegneri kennenzulernen, und weckt vielleicht den Wunsch, auch die vorherigen Folgen zu ergattern. Man wird sicher nicht enttäuscht sein.

Marc'Antonio Ingegneri: "Volume Five: Motets for the Liturgical Year"
Choir of Girton College, Cambridge/Gareth Wilson; The Western Wyndes/Jeremy West; Gabriel Kennedy, Ben Nolan (Orgel)
Toccata TOCC 0767 (© 2025) Details

Donnerstag, 15. Januar 2026

Stravagante pensiero: Madrigale im Stile Gesualdos - Concerto Italiano


In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und dem ersten Viertel des 17. erschienen in Italien Madrigale in grossen Mengen. Das Madrigal war die wichtigste Form der weltlichen Vokalmusik. Heute kennen wir nur die Spitze des Eisbergs. Unter den vielen Madrigalbüchern, die in Druck erschienen, nehmen die sechs von Carlo Gesualdo einen besonderen Platz ein, und das trifft vor allem auf die beiden letzten Bücher zu. Der Grund ist, dass Gesualdo Texte verwendet, die man als morbid bezeichnen könnte: viele handeln von Liebe und Tod in einem Atemzug. Er war darin aber keine Ausnahme. Es gab mehrere Komponisten seiner Generation und der nächsten, die vergleichbare Texte vertonten. Und wie er verwendeten sie oft Chromatik und scharfe Dissonanzen. Rinaldo Alessandrini hat mit seinem Ensemble Concerto Italiano ein Programm solcher Madrigale aufgenommen.

Einige Textstellen seien hier erwähnt, um einen Eindruck der darin ausgedrückten Emotionen zu übermitteln. "Oh, erbarme dich meiner Qualen, damit ich in Frieden leben und nicht mehr sterben kann" (Tommaso Pecci, Ahi, che il mio cor si fugge). "Mein Herz ist bereits ergriffen und muss daher sterben" (Ascanio Mayone, Fuggi, fuggi oh mio core). "Ich fürchte den Tod nicht, solange das Leben und nicht meine Hingabe vergeht, denn schwankende Leidenschaft ist weit schlimmer als der Tod" (Giovanni del Turco, Altro non è'l mio amore).

Unter den Komponisten treffen wir einige bekannte Namen, wie - neben Gesualdo - Luzzasco Luzzaschi, Ascanio Mayone und Giovanni de Macque. Aber die meisten sind dem heutigen Hörer wohl weitgehend unbekannt, wie Scipione Lacorcia, Tommaso Pecci, Francesco Genuino und Francesco Lambardi.

Es fällt auf, dass die Komponisten meistens aus dem Süden Italiens stammen, und mehrere - wie Gesualdo - in Neapel wirkten. Muss daraus geschlossen werden, dass solche Texte dem Denken und den Gefühlen der dortigen Bevölkerung entsprechen? Das ist eher unwahrscheinlich. Es handelt sich wohl vielmehr um eine Mode, vergleichbar mit der Melancholie, die zur gleichen Zeit in England gepflegt wurde. Die Texte eigneten sich perfekt, um mit musikalischen Mitteln, darunter insbesondere der Harmonie, zu experimentieren. Und in aristokratischen Kreisen, wo solche Madrigale gesungen wurden, hat man sich davon herausfordern lassen, denn die Darstellung solcher Stücke ist alles andere als einfach.

Das trifft auch auf professionelle Interpreten von heute zu. Die Sängerinnen und Sänger müssen die Texte sorgfältig lesen und deren Struktur analysieren. Einige enthalten starke Kontraste, wie beispielsweise Pargoletta è colei von Agostino Agresta. Es beginnt optimistisch: "Ein kleiner Cherub ist sie, die meine Sehnsucht entfacht; und ein kleiner Cherub ist die Liebe, die mein Herz durchdringt." Doch dann schlägt die Stimmung in Bitterkeit um: "Doch in meiner Seele spüre ich ein großes Feuer, eine große Wunde, eine große Qual." Dieser Kontrast wird in der Musik eindrucksvoll ausgemalt. Die oft extremen Dissonanzen erfordern eine perfekte Intonation sowie die Verwendung der passenden (mitteltönigen) Stimmung. Die Gefühlsausbrüche lassen sich nur durch einen angemessenen Einsatz der Dynamik wirkungsvoll vermitteln. Wörter wie "deh" und "ah(i)" (oh), die häufig vorkommen, müssen forte oder mit einem Messa di voce gesungen werden. Innerhalb eines Madrigals erfordert der Text oft starke dynamische Kontraste. All diese Aspekte können am besten von italienischen Muttersprachlern umgesetzt werden, wie es die Mitglieder des Concerto Italiano sind. Sie meistern die Anforderungen dieser Madrigale mit beeindruckender Leichtigkeit. Hier und da schleicht sich ein leichtes Vibrato ein, doch das fällt kaum ins Gewicht. Es sind prägnante Darbietungen, die kaum zu übertreffen sind.

Diese CD bietet nicht gerade Musik zur Unterhaltung an. Nur ein einziges Stück, Francesco Lambardis All'ombra degl allori, bietet etwas Entspannung. Der Rest ist durchweg recht schwere Kost. Doch es ist faszinierend zu hören, wie Komponisten um 1600 einen Text interpretierten und vertonten, und mit Harmonie experimentierten. Liebhaber des Madrigals sollten sich diese hervorragende Aufnahme auf keinen Fall entgehen lassen.

"Stravagante pensiero"
Concerto Italiano/Rinaldo Alessandrini
Naïve OP 8677 (© 2025) Details

Freitag, 12. Dezember 2025

Palestrina 500 - Augsburger Domsingknaben, I Fedeli/Stefan Steinemann


Das Jahr 2025 war Palestrina-Jahr, da man annimmt, dass er 1525 geboren wurde. Wie zu erwarten, erschienen mehrere Aufnahmen mit seiner Musik, zum Teil in Kombination mit Werken anderer Meister seiner Zeit. Ich habe nicht alle gehört, aber die hier zu besprechende ist mit Abstand die interessanteste.

Der erste Grund dafür ist, dass das Herzstück des Programms eine Messe bildet, die vermutlich noch nie zuvor aufgenommen wurde. Palestrina komponierte die Missa Fratres ego enim accepi für acht Stimmen in zwei Chören. Mehrchörige Musik wird zwar hauptsächlich mit Venedig in Verbindung gebracht, doch auch Rom hatte in dieser Hinsicht seine eigene Tradition. Es handelt sich um eine Parodiemesse: Sie basiert auf einer Motette aus eigener Feder, deren Text dem ersten Brief des Paulus an die Korinther (Kapitel 11, Verse 23–24) entnommen ist, in dem er auf das von Christus eingesetzte Abendmahl - in der katholischen Lehre die Eucharistie - Bezug nimmt.

Auch die Interpretation ist ein Grund, warum diese Aufnahme sich von anderen unterscheidet. Ein Merkmal ist die dynamische Differenzierung, die schon aus Palestrinas Behandlung der Doppelchörigkeit hervorgeht, aber hier auch vom Dirigenten Stefan Steinemann gepflegt wird. Diese Interpretationen erinnern mich an jene des Chors der Sixtinischen Kapelle unter der Leitung von Massimo Palombella. Es ist bedauerlich, dass seit dessen Entlassung die Experimente in der Aufführungspraxis von Palestrinas Oeuvre offensichtlich zum Stillstand gekommen sind.

Es ist wohl kein Zufall, dass hier versucht wird, Palestrina aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Augsburger Domsingknaben, ein Chor von Knaben und jungen Herren, singen zwar ein weitgefächertes Repertoire - aufgrund ihrer Rolle in der Liturgie – aber ihr Schwerpunkt liegt in der alten Musik, auch weil Steinemann ein Experte in diesem Bereich ist.

Weitere Merkmale dieser Aufführungen zeugen von seinem Bestreben, der ursprünglichen Aufführungspraxis von Palestrinas Musik näherzukommen. Dazu gehört die Tonhöhe von 490 Hz. Laut Begleittext ist diese Tonhöhe "in vielen europäischen Kirchen des 16. Jahrhunderts dokumentiert". Ich bin mir da nicht so sicher: Sie scheint eher eine deutsche Besonderheit gewesen zu sein.

Und das führt zu einem weiteren Aspekt dieser Aufführungen: dem Einsatz von Instrumenten. Ich kann mich nicht erinnern, Palestrinas Musik jemals in einer Kombination aus Singstimmen und Instrumenten gehört zu haben. An den Orten, an denen Palestrina wirkte, wurden keine Instrumente verwendet. Die hier aufgeführte Messe stammt aus einer 1601 in Venedig veröffentlichten Sammlung, fast ein Jahrzehnt nach dem Tod des Komponisten. Die Veröffentlichung dieser Messe eröffnet verschiedene Möglichkeiten hinsichtlich der Aufführungspraxis. Die Aufführungen der Augsburger Domsingknaben spiegeln möglicherweise die Aufführungspraxis der Polyphonie im Augsburg des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts wider. Die Geschichte dieses Chors reicht schliesslich bis ins 15. Jahrhundert zurück. Im Süden Deutschlands war der Einsatz von Instrumenten üblich, wenn auch sicherlich nicht bei allen Aufführungen. Das Thema der Motette, auf der die Messe basiert, und die Besetzung sowohl der Motette als auch der Messe für achtstimmigen Doppelchor lassen jedoch auf eine überdurchschnittliche Bedeutung schließen. Dies könnte für den Einsatz von Instrumenten sprechen.

In zwei weiteren Stücken auf dieser CD spielen sie eine wichtige Rolle. In Victorias doppelchörige Motette Ave Maria stellen sie den zweiten Chor dar, und erweitern die Partien mit Diminutionen, wie das damals üblich war. Es zeugt von Einsicht in die damalige Aufführungsumstände, dass William Byrds Motette Miserere mei Deus ohne Instrumente gesungen wird. Diese spielten damals in England keine grosse Rolle, und Byrd komponierte seine Musik für geheime Messen.

Es ist äußerst wertvoll, wenn versucht wird, der Aufführungspraxis der Renaissance-Polyphonie zur Zeit ihrer Entstehung oder Veröffentlichung näherzukommen. Deswegen zählt diese Aufnahme zu den besten und sogar aufregendsten Palestrina-CDs, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Die Augsburger Domsingknaben sind ein hervorragender Chor. In Palestrinas Messe gibt es einige Passagen, in denen ein Sopran (derselbe?) solistisch mit Instrumentalbegleitung singt (zum Beispiel das Benedictus), und welch eine großartige Stimme er hat! Der Einsatz von Instrumenten in Palestrinas Musik ist ungewöhnlich, funktioniert hier aber hervorragend, auch dank der Art ihres Einsatzes und der Qualitäten des Ensembles I Fedeli.

Die Aufführungspraxis und ihre Umsetzung verdienen besondere Anerkennung.

"Palestrina 500"
Augsburger Domsingknaben; I Fedeli/Stefan Steinemann
Ars Produktion ARS 38380 (© 2025) Details

Donnerstag, 27. November 2025

Beobachtungen zu Venedig - ensemble feuervogel


Jahrhundertelang hat Venedig auf Menschen aus aller Welt eine grosse Anziehungskraft ausgeübt. Die Gründe waren und sind unterschiedlich: Geschichte, Architektur, bildende Künste, Musik. Im Barock war Venedig eine der unvermeidlichen Stationen auf der 'Grand tour' junger Aristokraten. In Vivaldis Zeit bewunderten Besucher die Aufführungen der Mädchen in den Ospedali. In Monteverdis Zeit war es in erster Linie die Musik, die im Markusdom zu hören war, die Besucher ins Staunen versetzte.

Einer dieser Besucher war der englische Schriftsteller Thomas Coryat (um 1577-1617). Im Jahre 1611 veröffentlichte er einen Reisebericht unter dem Titel Coryat's Crudities hastily gobbled up in Five Months Travels in France, Italy, &c (zu deutsch etwa: Coryats Rohkost: Hastig heruntergeschlungen während einer fünfmonatigen Reise). Seine Ausführungen sind die Grundlage für das Programm, das vom ensemble feuervogel zusammengestellt und eingespielt wurde. Ausschnitte dieses Buches finden sich im Textheft, in der Form eines 'Interviews'.

Das Programm ist in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten - 'Der Marktplatz von San Marco - Treffpunkt der Kulturen' - hören wir vor allem Tänze von Giorgio Mainerio (1530/40-1582). Einige dieser Tänze verweisen auf andere Völker, wie die Ungarn (Ungarescha) und die Deutschen (Tedescha). Daneben erklingen zwei Instrumentalwerke von Organisten des Markusdoms, Girolamo Parabosco und Claudio Merulo.

Dann folgt 'Die Bühne der Bänkelsänger — Narren und Stegreifsänger': da steht die Kunst der 'Entertainer' im Mittelpunkt. Ob die zu Gehör gebrachte Musik wirklich der 'Volkskunst' angehört oder eher dem Geschmack der höheren Kreisen angepasst wurde, sei dahingestellt. Auch hier gibt es wieder Tänze, diesmal von Francesco Bendusi (?-1553). Einige verweisen auf Volkslieder. Ein bekanntes Stück ist Chi la gagliarda von Baldassare Donato.

Der dritte Abschnitt heisst 'Venedigs edle Damen — Weisheit und Verführung'. Hier erklingen vor allem Diminutionen auf Madrigale von Cipriano de Rore aus der Feder von Giovanni Bassano. Und Celeste Giglio ist eine Bearbeitung eines damals beliebten Liedes, das als La Monica bekannt ist.

Das Programm endet mit 'Abschied von Venedig — Erinnerung an die strahlende Stadt', und in diesem Abschnitt finden sich weitere Diminutionen von Bassano sowie ein Madrigal von Adrian Willaert, in dem er seine Liebe zu Venedig äussert. Es erklingt auch die vierte von insgesamt vier Ricercares für ein Soloinstrument - hier die Blockflöte - von Bassano. Es sind technisch anspruchsvolle Stücke, die eine wenig bekannte Seite des Komponisten beleuchten.

Aufnahmen mit Musik aus Venedig gibt es viele. Hier wird das Musikleben der Stadt auf eine weniger geläufige Weise dargestellt. Daher ist diese CD eine durchaus sinnvolle Erweiterung der Diskographie. Es ist eine Ode an Venedig, und diese ist gut gelungen. Diese Produktion ist ein farbenreicher Blumenstraus - von Anfang bis Ende variiert und unterhaltsam, auch dank des hervorragenden Spiels der Blockflötisten, in Zusammenarbeit mit Ian Harrison, dem bekannten Spezialisten auf alten Schlaginstrumenten.

"Observations of Venice - Cinquecento consort music"
ensemble feuervogel; Ian Harrison, Schlagzeug
Coviello Classics COV92505 (© 2025) Details

Donnerstag, 20. November 2025

Musik aus einem Frauenkloster des 16. Jahrhunderts - Musica Secreta


"Mulier tacet in ecclesia" - die Frau soll schweigen in der Kirche. Dieses Gebot des Apostels Paulus wurde vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert auf das Singen in der Kirche ausgeweitet. Infolgedessen wurde liturgische Musik von Knaben und Männern gesungen. Aber nicht überall schwiegen die Frauen: in Klöstern hatten sie nicht nur die Gelegenheit zu singen, sondern auch ihre musikalischen Talente zu entwickeln, Instrumente zu spielen und sogar zu komponieren.

Ob die Schwestern im Kloster San Matteo in Arcetri, heute Teil der Stadt Florenz, auch komponiert haben, ist nicht bekannt. Eine Handschrift mit insgesamt 78 Stücken, die mit diesem Kloster in Verbindung gebracht werden konnte, gibt darüber keine Auskünfte. Neben Werken von damals bekannten Meistern gibt es Stücke, deren Komponist nicht erwähnt wird. Diese Sammlung - bekannt als 'Biffoli-Sostegni Handschrift', nach den Schwestern die auf dem Umschlag genannt werden - wird im Königlichen Konservatorium zu Brüssel aufbewahrt, und wurde von einem Mönch, Fra Antonius Morus, zusammengetragen.

Die Stücke zeigen, wie die liturgische Praxis im Kloster aussah. Im Programm, das vom Ensemble Musica Secreta aufgezeichnet wurde, stehen zwei Messen im Mittelpunkt. Es sind beide Parodiemessen, was heisst, dass darin Material aus schon existierenden Werken, wie Madrigalen oder liturgischen Gesängen, verarbeitet wird. Eine dieser Messen basiert auf dem Offertorium Recordare Virgo Mater für das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä, das jährlich am 16. März gefeiert wurde, und eines der wichtigsten Ereignisse im Kloster darstellte.

Der Evangelist St Matthäus war der Schutzpatron der Klosters; sein Fest fand am 21. September statt. Dafür ist In illo tempore: vidit Jesus bestimmt. Selbstverständlich gibt es mehrere Gesänge für Maria. Und da die Vespern einer der wichtigsten Teile der Liturgie der katholischen Kirche darstellten, sind auch Vesperpsalmen und das Magnificat eingeschlossen.

Während mehrere Gesänge relativ einfach sind, ist das Magnificat etwas komplizierter, und die Messen sind mit den Werken der bekannten Komponisten der Zeit durchaus vergleichbar. Ob diese Werke speziell für dieses Kloster komponiert wurden, lässt sich nicht feststellen. Es scheint durchaus möglich.

Schliesslich gibt es auch einige Madrigale, aber dann sogenannte 'spirituelle' Madrigale - das war im 16. Jahrhundert eine beliebte Gattung. Sie waren zur Unterhaltung gemeint: die Schwestern konnten auf diese Weise eine damals gängige Art von Musik geniessen, ohne an den amourösen Texten Anstoss nehmen zu müssen.

Die neun Sängerinnen werden in einigen Stücken von Viola da gamba, Laute und Orgel unterstütz. Das waren die einzigen Instrumente, die in einem Kloster erlaubt waren.

Diese Produktion liefert einen faszinierenden Einblick in das tägliche Leben eines Frauenklosters des 16. Jahrhunderts. Der Name des Ensembles Musica Secreta ist sein Programm: es bringt Musik zu Gehör, die lange Zeit verborgen geblieben ist, und sogar in der Zeit des Entstehens sich der Öffentlichkeit entzog. Wie wertvoll es ist, sie in unserer Zeit zu Gehör zu bringen und einem weiteren Kreis zugänglich zu machen, zeigt diese Produktion eindrucksvoll. Musica Secreta fühlt sich hier wie ein Fisch im Wasser.

"Ricordanze - a record of love"
Musica Secreta/Laurie Stras
Lucky Music LCKY005 (© 2025) Details

Donnerstag, 13. November 2025

Tessarini: Sonaten für Traversflöte - Eriko Oi


In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts reisten mehrere italienische Komponisten als Geigenvirtuosen durch Europa. Dazu zählen Pietro Antonio Locatelli und Francesco Maria Veracini. Wie diese wurde auch Carlo Tessarini (um 1690-nach 1766) als Geiger ausgebildet, aber - im Gegensatz zu den soeben genannten - ist er heute so gut wie vergessen.

Er wurde in Rimini geboren; von seiner musikalischen Erziehung wissen wir so gut wie nichts. Er wirkte in Venedig als Kapellmeister am Ospedale dei Santi Giovanni e Paolo und als Geiger am Markusdom. In den 1730er Jahren siedelte er nach Urbino um, wo er in den Dienst des Kathedrals trat. Da hatte er die Gelegenheit als Virtuose durch Europa zu reisen. Auftritte in u.a. Rom, Paris, London und den Niederlanden sind belegt. Sein letztbekannter Auftritt war 1766 in Arnheim in den Niederlanden.

Tessarini hat ein stattliches Oeuvre hinterlassen. Einige Sammlungen gab er selber heraus, andere wurden von renommierten Verlagshäusern veröffentlicht, oft ohne seine Zustimmung. Das sagt etwas über seinen Ruf als Komponist. Der grösste Teil seines Oeuvres ist für sein eigenes Instrument bestimmt, aber im Verlaufe der Zeit wurde die Traversflöte als Alternative erwähnt. Der Grund war zweifellos die wachsende Beliebtheit dieses Instruments unter Laien.

Die Sonaten Op. 14 sind ein gutes Beispiel. Sie wurden zuerst um 1748 in Venedig veröffentlicht, aus Anlass des Friedens von Aix-la-Chapelle, mit dem der Österreichische Erbfolgekrieg (1740-1748) endete. Zwei Jahre später wurden sie in Paris wiederveröffentlicht. Die Traversflöte wird hier neben der Violine erwähnt, und deswegen hat Tessarini typische Merkmale von Musik für die Geige, wie Doppelgriffe, vermieden. Da diese Werke für Laien bestimmt sind, enthalten sie weniger technische Herausforderungen als andere Werke von Tessarini. Obwohl sie sich in der Form grösstenteils ähneln, gibt es auch viel Variation in dieser Sammlung,

Die zweite Sammlung, die Eriko Oi aufgezeichnet hat, ist Il piacer delle dame, facile ariete instrumentali, zuerst um 1745 in Paris gedruckt, dann 1751 wiederveröffentlicht in London unter dem Titel Easy and Familiar airs. Auch diese Stücke sind für Traversflöte oder Violine und Basso continuo geschrieben. Der französische Titel - "das Vergnügen der Damen" - ist vielleicht ein Indiz dafür, dass sie als pädagogisches Material gemeint sind. Die Abwechslung in Länge, Tempo und Charakter, sowie die Tatsache, dass sie hohe Noten und grosse Intervallsprünge enthalten, weisen in diese Richtung.

Die Sonaten Op. 14 wurden schon mal auf der Violine aufgenommen (Valerio Losito; Brilliant Classics, 2019). Es ist schön, dass sie nun auch in alternativer Besetzung vorliegen. Sie haben es sich redlich verdient, und Eriko Oi liefert eine exzellente Interpretation. In der Biografie im Textheft heisst es, sie sei "beim 34. Internationalen Wettbewerb für Alte Musik in Yamanashi mit dem 2. Preis ausgezeichnet worden (der 1. Preis wurde nicht vergeben)". Das ist leicht nachzuvollziehen. Ich bin von ihrem Spiel beeindruckt. Sie erzeugt einen wunderschönen Ton und nutzt den gesamten Tonumfang und die dynamischen Möglichkeiten ihres Instruments wirkungsvoll aus. Sie beweist ein gutes Gespür für den Rhythmus jedes Satzes und den rhetorischen Charakter dieser Sonaten, was sich in ihrer Artikulation und m Kontrast zwischen 'guten' und 'schlechten' Noten zeigt. Tung-Han Hu ist eine hervorragende harmonische und rhythmische Stütze.

Carlo Tessarini: Sei Sonate Op. 14, Il Piacier delle Dame
Eriko Oi, Traversflöte; Tung-Han Hu, Cembalo
Tactus TC 692006 (© 2025) Details

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Gaultier de Marseille: Symphonies divisées par suites de tons - Cohaere Ensemble


Im Barock spielten Paris und Versailles die Hauptrolle im französischen Musikleben. Die Musik, die heute aufgeführt wird, stammt fast ausschliesslich von Komponisten, die dort gelebt und gewirkt haben. Was in anderen Regionen komponiert und aufgeführt wurde, erscheint selten auf Konzertprogrammen und auf CD. Die hier diskutierte Aufnahme ist einem Komponisten gewidmet, der zwar in Paris studiert hat, aber sein ganzes Leben im Süden Frankreichs verbracht hat, wie sein Beinamen 'de Marseille' verrät.

Obwohl Pierre Gaultier de Marseille (1642-1696) als Spieler von Tasteninstrumenten ausgebildet wurde, und anfänglich als Lehrer in diesem Bereich sowie in Komposition tätig war, drehte sich seine Karriere ganz um die Oper. Jean-Baptiste Lully erlaubte es ihm 1684 in Marseille eine Musikakademie zu gründen, die mit einer Oper aus seiner eigenen Feder eröffnet wurde. Später führte er mehrere Oper von Lully und noch ein weiteres eigenes Werk auf. Seine beiden Opern sind verlorengegangen, sollten aber ganz im Stile Lullys komponiert worden sein.

Er führte auch Opern in Avignon auf, und dort landete er 1688 ins Gefängnis wegen finanzieller Schulden; er war gezwungen das ganze Besitz seiner Operngesellschaft zu verkaufen. Er blieb aber der Oper treu; in anderen Konstellationen dirigierte er Opern in verschiedenen Städten. 1696 kamen er und sein Bruder ums Leben während einer Schifffahrt.

Nur wenig Musik von Gaultier de Marseille ist zu uns gekommen. Am wichtigsten sind die neun Suiten, die 1707 von Christoph Ballard in Paris veröffentlicht wurden. Es ist bemerkenswert, dass diese dort erschienen und dazu noch elf Jahre nach seinem Tode. Offensichtlich war er bekannter als man vermuten würde, da er immer weit weg von Paris wirkte. Der Herausgeber schreibt im Vorwort, dass er die Suiten auf Wunsch zusammengestellt hatte. Daraus lässt sich schliessen, dass Gaultiers Musik geschätzt wurde.

Die neun Suiten unterschiedlcher Länge bestehen aus Tänzen und Charakterstücken. Einige erinnern an die Oper der Zeit, und man fragt sich, ob einige dieser Stücke vielleicht aus seinen verschollenen Opern stammen. Auch damals sehr beliebte Formen, wie Chaconne und Passacaille, fehlen nicht. Es gibt auch ein biografisches Stück: zu Les Prisons (das Gefängnis) schreibt er, dass er das Stück im Gefängnis in Avignon komponiert hatte.

Diese Stücke sind, der gedruckten Ausgabe zufolge, für zwei Flöten oder Violinen bestimmt. Hier werden beide gemischt, und angesichts der damaligen Gewohnheiten ist dagegen nichts einzuwenden. Die Frage ist aber, was mit 'Flöte' gemeint ist. Da die Traversflöte meistens als flûte allemande bezeichnet wurde, liegt eine Besetzung mit Blockflöte nahe; so hat Hugo Reyne diese Suiten mit seinem Ensemble La Simphonie du Marais eingespielt (Auvidis, 1998). Aber da ab 1700 die Traversflöte immer beliebter wurde, ist die Besetzung mit Traversflöte, wie in der Aufnahme des Cohaere Ensemble, eine legitime Möglichkeit.

Dieses junge polnische Ensemble legt hier seine erste CD-Aufnahme vor, und die hat mir ganz gut gefallen. Es wird sehr schön gespielt, und der Variation in diesen Suiten wird voll Rechnung getragen. Es wird mal kräftig ausgepackt, aber auch immer wieder mit Verfeinerung gespielt. Jeder Liebhaber von Barockmusik wird an dieser Produktion viel Freude finden.

Pierre Gaultier de Marseille: Symphonies divisées par suites de tons
Cohaere Ensemble
Ambronay AMY317 (© 2025) Details

Ingegneri: Motetten für das Kirchenjahr - Gareth Wilson

Eines der Rätsel der Musikszene ist, warum manche Komponisten in der modernen Aufführungspraxis fast völlig vernachlässigt werden, obwohl ...