Mittwoch, 19. März 2025

Aumann: Passionsoratorium - Gunar Letzbor



Dass die Musik von Franz Joseph Aumann (1728-1797) nicht völlig unbekannt geblieben ist wie sie lange Zeit war, verdanken wir fast ganz Gunar Letzbor. Er stöbert gerne in Archiven herum, und dem Archiv des Augustiner-Chorherrenstifts St. Florian gilt sein besonderes Interesse, auch weil er enge Verbindungen zum Stift pflegt, wegen der St. Florianer Sängerknaben, die oft an seinen CD-Aufnahmen beteiligt sind. Dort stiess er vor Jahren auf das Oeuvre von Aumann, der im Jahre 1753 in das Kloster eintrat, und dort von 1755 bis zu seinem Tode als regens chori wirkte. Sein Oeuvre wird auf um die 300 Werke geschätzt. Die Tatsache, dass viele seiner Werke an anderen Orten aufgefunden worden sind, ist ein Indiz für die Wertschätzung, die ihm zuteil geworden ist. Sogar Anton Bruckner, der von 1845 bis 1855 u.a. auch als regens chori wirkte, schätzte Aumanns Musik.

Letzbor nahm 2008 Aumanns Requiem auf, vor einigen Jahren gefolgt von einem Programm mit Kammermusik. Im vergangenen Jahr (aber zu spät für eine Besprechung zur richtigen Zeit) erschien die Aufnahme eines Passionsoratoriums: das Oratorium de Passione Domini nostri Jesu Christi. Wann das Werk entstanden ist, scheint nicht bekannt zu sein, aber es wurde höchstwahrscheinlich an einem Karfreitag aufgeführt. Es gehört zur Tradition des sepolcro, wie es im 17. bis zum frühen 18. Jahrhundert am Kaiserhof zu Wien aufgeführt wurde. Offensichtlich wurde diese Tradition anderswo kopiert bzw. fortgesetzt. Das Werk steht auch in der Tradition des Passionsoratoriums, in dem nicht die Leidensgeschichte selbst, sondern eher die Reaktionen von Leuten um Jesus herum im Mittelpunkt stehen. Dieses Werk weicht davon dann wieder ab, indem hier keine biblische Charaktere, sondern nur allegorische Figuren auftreten: der Glaube (Sopran), die Hoffnung (Alt), die Liebe (Tenor) und der Sünder (Bass). Der letztere ist die Hauptperson: die anderen drei sollen ihn davon überzeugen, dass er aus seinem Sündenschlaf erwachen soll und sich, im Anblick des Kreuzes und des sterbenden Jesus, sich bekehren und büssen soll. Somit könnte man dieses Werk als eine Moralität bezeichnen.

Das Ziel eines solchen Werkes war, die Zuhörer zu berühren und sie zur Identifikation mit dem Sünder zu bringen. Ein Werk wie dieses passt ganz zum Ideal der Gegenreformation: dem Durchschnittsgläubigen die Lehren der Kirche zu übertragen. Das gefühlsbetonte Idiom dieses Werkes ist dazu wohl geeignet. Man höre beispielsweise die erste Arie: ein ungewohnt langes Stück, in einem langsamen Tempo gesungen, mit einer obligaten Violastimme, in der der Sünder - eigentlich dem Schluss vorwegnehmend - Reue über seine Sünden äussert und um Vergebung bittet. Alexandre Baldo identifiziert sich ganz mit dem Charakter und bringt eine äusserst indringliche und ergreifende Interpretation. Durch das ganze Werk hindurch dringt er tief in seine Partie hinein; seine Darstellungen sind eine Meisterleistung.

Die anderen Interpreten stehen ihm wenig bis nichts nach. Alois Mühlbacher ist differenziert in seiner Arie, sowohl musikalisch als in der Interpretation des Textes. Markus Miesenbergers schöne und flexible Stimme eignet sich perfekt für die Arie der Liebe; die wäre in einer Oper nicht fehl am Platz. Die Partie des Glaubens wird von zwei Solisten der St. Florianer Sängerknaben gestaltet, wie das in Aumanns Zeit ohne Zweifel auch gemacht wurde. Dieser Chor hat immer exzellente Solisten in seiner Reihe, und diese beiden sind dafür gute Beispiele. Sie singen technisch makellos; einzige Stellen hätten vielleicht etwas klarer ausgemalt werden können und sie hätten sich in den Rezitativen etwas mehr Freiheit nehmen sollen. Insgesamt verdienen ihre Darstellungen aber Lob. Das Ensemble spielt alert und farbenreich und lotet die Affekte jeder Arie voll aus.

Ich bin von diesem Oratorium ziemlich beeindruckt. Es hat viel Mühe gekostet, das Material aus verschiedenen Quellen zu sammeln und zu einer ausführbaren Partitur zusammenzufügen. Diese Mühe hat sich aber gelohnt, und Letzbor gebührt Dank für seine Arbeit. Es ist zu hoffen, dass die Partitur veröffentlicht wird, denn angesichts des Herangehens an die Passionsgesichte und der Qualität der Musik ist dieses Oratorium eine echte Bereicherung des Passionsrepertoires.

Franz Joseph Aumann: "Passionsoratorium"
Fabio Alves Pereira, Kendrick Nsambang [soli], Laurenz Oberfichtner, Valentin Werner [tutti], Sopran; Alois Mühlbacher, Altus; Markus Miesemberger, Tenor; Alexandre Baldo, Bass; Ars Antiqua Austria/Gunar Letzbor
Accent ACC 24405 (© 2024) Details

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