Montag, 26. Juni 2023

Weelkes: What Joy So True - Chichester Cathedral Choir



Wie fast jedes Jahr ist auch 2023 ein Gedenkjahr. Vor vierhundert Jahren verstarb William Byrd, einer der grössten Komponisten der ausgehenden Renaissance. Weniger bekannt, jedenfalls ausserhalb dem Vereinigten Königreich, ist, dass im gleichen Jahr auch das Leben von Thomas Weelkes ein Ende nahm. Er ist vor allem wegen seiner Madrigale bekannt; vier Bücher solcher Werke hat er veröffentlicht, aber leider werden sie selten aufgeführt und aufgenommen. Vielleicht ist dieses Gedenkjahr Anlass, diesen Teil seines Oeuvres ins rechte Licht zu rücken. Zunächst möchte ich aber eine Aufnahme vorstellen, die seiner geistlichen Musik gewidmet ist.

Weelkes wurde 1601 oder 1602 zum Organisten und informator choristarum an der Kathedrale zu Chichester ernannt; in letztgenannter Funktion war er für die Erziehung der Chorknaben zuständig. Im Jahre 1617 wurde er entlassen, da er seine Aufgaben vernachlässigte und sich auch schlecht benahm: er soll ein Trunkenbold gewesen sein und oft geflucht haben. Seitdem spielte er die Orgel nur noch unregelmässig. Im Textheft zu der hier zu rezensierenden Produktion wird sein tragisches Schicksal diskutiert. Dabei wird in Erwägung gezogen, dass sein problematisches Benehmen eine Folge nicht erfüllter Ambitionen gewesen sein könnte. Er hätte vielleicht gerne in der Chapel Royal gearbeitet, aber daraus wurde nichts. Seine Position in Chichester galt nicht gerade als die Spitze; der Chor war relativ klein. Es ist interessant, dass gerade der heutige Chor dieser Kathedrale sich mit seinem Oeuvre beschäftigt. Er ist noch immer relativ klein, verglichen mit den meisten Kathedralchören in Grossbrittannien.

Diese CD bietet eine interessante Übersicht des Schaffens von Weelkes. Leider sind viele seiner Werke unvollständig überliefert. Deswegen musste einige Rekonstruktionsarbeit geleistet werden. Das hat sich gelohnt, denn die hier aufgenommenen Werke von Weelkes zeigen, dass er ein exzellenter Komponist war. Sie zeigen auch die stilistische Vielfalt seines Oeuvres: neben Stücken in einem strikt imitativen Kontrapunkt, gibt es auch Werke, in denen sich Homophonie und Polyphonie abwechseln. Dass er ein wichtiger Madrigalkomponist war, kommt auch zum Ausdruck: in einigen Stücken gibt es sprechende Beispiele von Textausdruck. In einigen sogenannten verse anthems und einem consort song kommen einzelne Mitglieder des Chores solistisch zu Wort. Der Chor von Chichester besteht nur aus Knaben- und Männerstimmen, und da er relativ klein ist, ist die Qualität jeder Einzelstimme von Bedeutung. Die Sänger machen einen hervorragenden Eindruck, und das trifft auch auf die Knabensoprane zu, die einen schönen Ton hervorbringen und mit dem Text schon etwas anzufangen wissen.

Diese CD ist umso interessanter, da hier auch die zwei einzigen Orgelwerke von Weelkes sowie einige seiner Werke für Gambenconsort zu hören sind. Diese gehören zu dem am wenigsten bekannten Teil seines Oeuvres. Alle Instrumentalwerke werden hier sehr gut dargestellt.

Fazit: ein höchst interessanter und musikalisch fesselnder Beitrag zum Weelkes-Gedenkjahr.

Thomas Weelkes: "What Joy So True - Anthems, Canticles, Consort Music"
The Choir of Chichester Cathedral, The Rose Consort of Viols/Charles Harrison; Thomas Howell, Orgel
Regent REGCD571 (© 2023) details

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