Mittwoch, 14. Juni 2023

Raehs: Flötensonaten - Clara Guldberg Ravn



Aufnahmen von Musik dänischer Komponisten sind mit selten in den Schoss gefallen, es sei denn, man betrachte Dieterich Buxtehude als einen dänischen Komponisten. Ansonsten gibt es nicht viel zu rezensieren, da es wenig dänische Musik gibt, die aufgeführt werden könnte. Da ist man überrascht, wenn zwei CDs erscheinen mit Flötensonaten eines dänischen Komponisten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Martinus Raehs (1702-1766) wurde in Horsens, einer Provinzstadt in der Region Mid-Jutland geboren. Er wurde auf der Traversflöte unterrichtet, und als junger Mann machte er sich auf den Weg nach England, wo er sein Studium fortsetzte und wahrscheinlich Komponisten wie Händel und Geminiani begegnete. Auf jeden Fall im Jahre 1726 war er wieder in Danmark, wo er seinen Vater als Stadtmusiker zu Aarhus nachfolgte. Er begann schon damals zu komponieren. In den späten 1740er Jahren war er wahrscheinlich in Deutschland, denn sechs Sonaten, die aus 1748 datieren, widmete er Friedrich von Mecklenburg-Schwerin. In den letzten Jahren seines Lebens spielte er die Traversflöte in der Hofviolinbanden, wo sein Bruder erster Geiger war.

Von Raehs sind nur 16 Flötensonaten erhalten geblieben, die sich in zwei verschiedenen Handschriften befinden, die in Schwerin bzw. Kopenhagen aufbewahrt werden. Eine Sonate ist in beiden Sammlungen enthalten, mit nur kleinen Varianten; deswegen wurde in der hier rezensierten Gesamtaufnahme nur eine Fassung einbezogen. Stilistisch finden wir hier eine Mischung aus barocken Elementen und Zügen des galanten Stils und der Empfindsamkeit. Einige folgen dem Corellischen Modell in vier Sätzen, andere bestehen aus drei Sätzen, entweder schnell-langsam-schnell oder langsam-schnell-schnell. Einige Sätze enthalten ausgeschriebene Verzierungen und damit interessante Information bezüglich der Verzierungspraxis in jener Zeit. Es sind sehr schöne und gut komponierte Werke, und es ist schon erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis sie auf CD erschienen sind. Das macht diese beiden CDs umso mehr willkommen, zumal Clara Guldberg Ravn eine exzellente Blockflötistin ist, und diese Sonaten sehr gut vorträgt. Sie bringt einen schönen Ton hervor, und ihre Behandlung der Dynamik und der Verzierungen ist differenziert und überzeugend. Ich möchte sie daher gerne empfehlen, aber nicht ohne Einschränkungen.

Erstens: diese Sonaten sind für die Traversflöte konzipiert, werden hier aber auf der Blockflöte gespielt. Bei Sonaten, die gedruckt wurden, ist das zu verteidigen, denn dieses Instrument wurde von Laien noch bis weit ins 18. Jahrhundert gespielt. Allerdings wurden diese Sonaten nie gedruckt und hat Raehs sie wohl für sich selber komponiert. Das ändert die Sache. Zweitens: in der ersten Folge wird in einigen Sonaten im Basso continuo ein Fortepiano gespielt. Es wird behauptet, Raehs hätte dieses Instrument möglicherweise in England kennengelernt. Das ist klarer Unsinn: er hat England verlassen als man dort das Fortepiano gar nicht kannte. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts erscheinen die ersten Fortepianos in England. Vielleicht hat er das Instrument später in Danmark kennengelernt, aber er kannte mit Sicherheit nicht den Broadwoodflügel des Jahres 1802, der hier von Anna Paradiso gespielt wird. Die Entscheidung für dieses Instrument ist einfach unverständlich. In der zweiten Folge spielt sie in einigen Sonaten ein Clavichord, und das ist eine interessante Möglichkeit, die selten angewandt wird. Es würde aber besser zur Traversflöte als zur Blockflöte passen. Und ein Instrument des Jahres 1794 ist doch auch wieder etwas anachronistisch. Ich unterstreiche gerne noch einmal die Bedeutung dieser Produktionen und bleibe bei meiner Empfehlung. Ich hoffe aber sehr, dass diese Sonaten auch einmal auf Traversflöte eingespielt werden, mit einer Basso continuo-Begleitung, die sich aus historischer Sicht besser verteidigen lässt.

"The Flute Sonatas by Martinus Ræhs - Who enchants this meeting so?"
Clara Guldberg Ravn, Blockflöte; Mats Olofsson, Violoncello; Jonas Nordberg, Erzlaute, Gitarre; Anna Paradiso, Cembalo, Fortepiano
Arcantus arc 20015 (© 2020) details
"The Flute Sonatas by Martinus Ræhs, Vol. 2 - The Promise of a Night in June"
Clara Guldberg Ravn, Blockflöte; Mats Olofsson, Violoncello; Jonas Nordberg, Erzlaute; Anna Paradiso, Cembalo, Clavichord
Arcantus arc 22031 (© 2022) details

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