Freitag, 13. März 2026
Giardini & Ferrari: Violinsonaten
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden in grossen Mengen Violinsonaten komponiert und zum Teil veröffentlicht. Im Barockzeitalter - bis um die Mitte des Jahrhunderts - waren das meistens Sonaten für Violine und Basso continuo; danach wurden viele Sonaten komponiert, in denen einem Tasteninstrument - Cembalo oder Fortepiano - eine Obligatrolle zuerteilt wird. Die Sonaten zweier italienischer Komponisten, die vor kurzem auf CD erschienen sind, stammen aus der Mitte des Jahrhunderts, und mischen barocke und frühklassische Züge. Zugleich zeigen sie grosse Unterschiede.
Felice Giardini (1716-1796) stammte aus Turin, wo er - nach einer Zeit in Rom, wo er als Chorknabe sang und Gesangsunterricht erhielt - bei Giovanni Battista Somis studierte. Er wirkte dann einige Zeit in Rom und Neapel, und machte sich dann auf Reisen als Geigenvirtuose. Er kam in London, und beschloss, sich dort niederzulassen. Er spielte eine wichtige Rolle im Konzertleben, unter anderem als Solist bei den Bach-Abel-Konzerten. Charles Burney rechnete ihn zu den grössten Musikern seiner Zeit. 1784 kehrte er nach Italien zurück, ging dann nach St Petersburg und Moskau, wo er total verarmt verstarb.
Giardinis Oeuvre besteht hauptsächlich aus Instrumentalmusik. Diese wurde in London veröffentlicht, und darin könnte man zwei Seiten des Komponisten erkennen. Die Sonaten Op. 3, beispielsweise, sind für Violine oder Traversflöte konzipiert. Das zeigt, dass sie für Laien bestimmt sind; selbstverständlich werden hier typische Geigentechniken, wie Doppelgriffe, vermieden. Die Sonaten für Violine und Basso continuo Op. 1 dagegen gehen weit über die Möglichkeiten von nicht-professionellen Spielern hinaus. Darin begegnen wir dem Virtuosen, der alle damals üblichen Techniken benutzt. Oft geht die Geige bis in die höchsten Positionen, Mehrfachgriffe gibt es viele, sowie grosse Intervalle (mehr als zweieinhalb Oktave) und Figuren von Zweiunddreißigstelnoten über zwei Oktaven. Die letzte Sonate ist die virtuoseste; hier verwendet Giardini Flageolettöne (sons harmoniques). Einige Passagen klingen wie Kadenzen. Das war offensichtlich eine Vorliebe Giardinis.
Diese Beschreibung könnte den Eindruck erwecken, dass diese Sonaten nur eine Demonstration virtuoser Geigentechnik darstellen. Das ist aber nicht der Fall: vor allem die langsamen Sätze haben durchaus lyrische Züge und sogar die schnellen Sätze sind nie langweilig im melodischen Bereich. Anhand dieser Sonaten lässt sich die Begeisterung seiner Zeitgenossen gut nachvollziehen. I Solisti Ambrosiani haben mit dieser Aufnahme eine wichtige Tat vollbracht. Sie zeigen, dass Giardini zu Unrecht etwas im Schatten geblieben ist. Der Geiger des Ensembles, Davide Belosio, macht grossen Eindruck, sowohl technisch als musikalisch. Jeder Liebhaber der vorromantischen Violinliteratur sollte sich diese Aufnahme zulegen.
Noch weniger bekannt als Giardini ist Domenico Ferrari (1722-1780), der aus Piacenza stammte. Er war Schüler von Giuseppe Tartini, und zwar einer seiner besten. 1749 trat er in Wien als Geigenvirtuose auf und wirkte dann am Hofe zu Stuttgart, zusammen mit einem anderen Tartini-Schüler, Pietro Nardini. 1754 spielte er beim Concert Spirituel in Paris, und dort blieb er bis zum Ende seines Lebens. Zwischen 1758 und 1762 veröffentlichte er sechs Sammlungen von je sechs Sonaten für Violine und Basso continuo. Das Op. 3 hat der ukrainische Geiger Artem Dzeganovskyi eingespielt. Alle Sonaten sind dreisätzig. Drei Sonaten enden - der Mode der Zeit gemäss - mit einem Menuett; eines davon wird gefolgt von Variationen. Die relative kurze melodische Phrasen sowie die Tatsache, dass alle Sonaten in einer Dur-Tonart stehen, zeigen den Einfluss des galanten Stils.
Die Sonaten Op. 3 unterscheiden sich klar von denen von Giardinis Op. 1. Doppelgriffe gibt es relativ wenige, und dann vor allem am Anfang oder Ende eines Abschnitts oder einer melodischen Phrase. Der Umfang der Geigenstimme ist viel geringer als bei Giardini, und auch grosse Intervallsprünge gibt es nicht. Dagegen enthalten mehrere Sätze Anweisungen zur Einfügung einer Kadenz. Diese kostet Dzeganovskyi voll aus. Sein Ton ist schön und seine Interpretation differenziert, beispielsweise im Bereich der Dynamik, mit einer klaren Betonung des Unterschieds zwischen 'guten' und 'schlechten' Noten.
Vielleicht gibt sein Spiel einen Eindruck davon, wie Ferrari selber gespielt hat. Christian Friedrich Daniel Schubart schrieb: "Ferrari spielt nicht kraftvoll, sondern berührt die Saiten nur leicht, lässt den unteren Teil des Stegs aus und nutzt nur den oberen, wodurch Töne entstehen, die dem sanften Anstossen von Gläsern ähneln, um den Klang des Kristall zu hören"(*). Ferraris Sonaten widerspiegeln die Ideale seines Lehrers Tartini, der Virtuosität als Ziel an sich ablehnte und Natürlichkeit und Ausdruckskraft bevorzugte. Das hat Dzeganovskyi verstanden und in seiner Interpretation umgesetzt.
Auch diese Produktion hat einen Platz in einer Sammlung mit Aufnahmen von Violinmusik verdient.
(*) Übersetzung nach dem englischen Textheft; der originelle Wortlaut liegt mir nicht vor.
Felice Giardini: "6 Sonate per violino e continuo, op. 1"
I Solisti Ambrosiani
Tactus TC 710740 (© 2026) Details
Domenico Ferrari: "6 Violin Sonatas, Op. 3"
Artem Dzeganovskyi, violin; Leonardo Gatti, cello; Sonia Hrechorowicz, harpsichord
Capriccio C5553 (© 2025) Details
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