Freitag, 24. April 2026
La Rue: Missa Iste confessor domini - Musurgia Ensemble
Es mangelt nicht an Aufnahmen geistlicher Renaissancemusik, die im 16. und frühen 17. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel entstand. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Werken spanischer Komponisten. Im Vergleich dazu ist portugiesische Musik auf Tonträgern deutlich weniger verbreitet, was vor allem auf das Erdbeben von 1755 in Lissabon zurückzuführen ist. Es zerstörte die königliche Bibliothek, die den Großteil des musikalischen Erbes des Landes beherbergte. In jüngster Zeit haben sich Interpreten weniger bekannten Aspekten der portugiesischen Musikgeschichte zugewandt, und das Kloster Santa Cruz in Coimbra im Norden Portugals spielt dabei eine wichtige Rolle. Dort wirkte Francisco de Santa Maria über dreißig Jahre als Kapellmeister. Ihm widmete das Ensemble Arte Minima unter der Leitung von Pedro Sousa Silva eine CD.
Eines der Mitglieder dieses Ensembles ist der Blockflötist João Távora, der zugleich Gründer und Leiter des Musurgia-Ensembles ist. Dieses widmet sich der Interpretation und Verbreitung wiederentdeckter Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Aspekten des portugiesischen Musikerbes. Vor diesem Hintergrund mag es wundern, dass es eine Messe von Pierre de La Rue aufgenommen hat.
Seine Missa Iste confessor domini ist Teil eines Chorbuchs mit der Bezeichnung P-Cug MM 2, das heute in der Universitätsbibliothek von Coimbra aufbewahrt wird. Das Chorbuch wurde vermutlich kurz nach 1530 in der niederländischen Stadt ’s-Hertogenbosch zusammengestellt. Es enthält Messen mehrerer Meister der franco-flämischen Schule. Távora äußert im Textbuch die Vermutung, dass es sich um einen Auftragswerk oder eine Anschaffung des Klosters gehandelt haben könnte. In jedem Fall belegt es das breite Interesse des Klosters an Musik aus ganz Europa.
Die Authentizität dieses Werkes ist übrigens zweifelhaft, denn in zwei anderen Quellen wird es Antoine De Févin zugeschrieben und trägt die Messe auch einen anderen Titel. Bis dato konnten die Fragen zu diesem Werk nicht gelöst werden. Ausserdem gibt es zwischen den Quellen Unterschiede in der Anweisung, wie der Kanon von Cantus (Sopran) und Tenor im Sanctus interpretiert werden sollte. Letzlich gibt es in der Fassung von Coimbra keinen zweiten Agnus Dei; dieser Abschnit wurde aus den anderen Quellen übernommen.
Die Aufführung der vierstimmigen Messe ist eher ungewöhnlich: zwei Stimmen (Sopran und Tenor) mit Blockflöten. Es ist bekannt, dass in ganz Europa geistliche Musik mit Instrumenten aufgeführt wurde, wenn auch sicherlich nicht regelmäßig, sondern zumeist zu besonderen Anlässen. Solche Instrumente waren üblicherweise laute Blasinstrumente (Zink, Posaunen und in Spanien insbesondere Dulzianen) oder wahrscheinlich auch Gamben. In all den Jahren meiner Tätigkeit als Rezensent kann ich mich nicht erinnern, jemals geistliche Musik mit Blockflöten gehört zu haben, bis auf die oben erwähnte CD mit Musik von Santa Maria und später eine CD mit Motetten von Vicente Lusitano, ebenfalls eingespielt von Arte Minima. Leider wird dieses Thema im Begleittext der vorliegenden CD nicht behandelt (ebenso wenig wie in den Begleittexten der Arte-Minima-CDs). Es wäre interessant gewesen zu wissen, ob es sich hierbei um eine für das Kloster Coimbra typische Praxis handelt.
Es wird sehr gut gesungen und gespielt, aber die Aufführungspraxis überzeugt mich nicht wirklich. Das Hauptproblem ist die Balance – oder vielmehr deren Fehlen – zwischen Gesang und Blockflöten. Sopran und Tenor agieren wie Solisten und singen mit Blockflötenbegleitung. Dabei ist die gleiche Behandlung aller Stimmen ein Kennzeichen des stile antico. Eine Aufführung mit vier Sänger*innen, begleitet von Blockflöten, die colla voce spielen, wäre zu bevorzugen.
Das Programm wird erweitert von Stücken für Orgel aus Italien und von der iberischen Halbinsel, die hier auf Blockflöten gespielt werden. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Dass sich diese Stücke im Archiv zu Coimbra befinden, ist ein weiterer Beleg der internationalen Orientierung dieses Klosters.
Zweifellos handelt es sich um eine sehr interessante Aufnahme. Im Textheft wird es zwar nicht erwähnt, aber es könnte sich durchaus um die erste Einspielung von La Rues Messe handeln. Zweifelhafte Werke werden von Interpreten unserer Zeit oft übersehen. Daher verdient diese CD die Aufmerksamkeit jedes Liebhabers der Renaissance-Polyphonie. So gut die Interpretationen auch sein mögen, die Aufführungspraxis überzeugt mich nicht wirklich. Ich würde sowieso gerne mehr darüber erfahren, warum Blockflöten im Portugal des 16. Jahrhunderts an Aufführungen geistlicher Musik beteiligt waren.
La Rue: Missa Iste confessor domini
Musurgia Ensemble/João Francisco Távora
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