Freitag, 17. April 2026

Carl Heinrich Graun: Kantaten - Aco Bišćević


Musik war eine der grössten Leidenschaften Friedrichs des Grossen. Er holte einige der besten Musiker und Komponisten an seinen Hof, zuerst in Rheinsberg, dann in Berlin. Zu diesen gehörten die Brüder Graun, Johann Gottlieb und Carl Heinrich. In vielen Aufnahmen stehen sie nebeneinander, was sich auch daraus erklären lässt, dass sie ihre Kompositionen oft nur mit GRAUN unterzeichneten. In solchen Fällen lässt sich meistens nicht zweifelsfrei ausmachen, welcher der beiden der Komponist ist.

Carl Heinrich (1704-1759) war Sänger, und Vokalmusik nimmt den wichtigsten Platz in seinem Oeuvre ein. Am Hofe Friedrichs war er in erster Linie für die Komposition von Opern zuständig. Diese Werke werden heutzutage noch kaum aufgeführt; alledings zeigt sich ein wachsendes Interesse, indem immer häufiger Arien aus den Opern in Konzerte dargeboten werden.

Die Vokalwerke Grauns, die heute auf CD zu haben sind, gehören meistens zum Bereich der geistlichen Musik. Das bekannteste Werk ist das Oratorium Der Tod Jesu von 1755. Auch ein weiteres Passionsoratorium sowie ein Oratorium zu Weihnachten und ein Te Deum sind aufgenommen worden. Die hier zu besprechende CD setzt sich mit einem bis jetzt kaum beachtetem Genre auseinander: der weltlichen Kantate. Graun hat 38 solcher Werke auf italienischem Text hinterlassen sowie eine Kantate auf deutschem Text. Dazu kommen 14 Kantaten, die ihm mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zugeschrieben werden können. Diese Kantaten hat er wohl in erster Linie für sich selber komponiert. Er hat sie am Hofe zu Braunschweig oder Wolfenbüttel aufgeführt: von 1724 bis 1732 war er Mitglied der Hofkapelle des Herzogs August Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der vorzugsweise in Wolfenbüttel residierte.

Wir kennen die Form der Kantate von vielen italienischen Komponisten; Alessandro Scarlatti hatte die Form standardisiert - zwei Paare von Rezitativ und Arie - aber davon konnten Komponisten auch mal abweichen. Da sie in Italien in der Regel im Kreis der Akademien aufgeführt wurden, war die Besetzung meistens beschränkt auf eine(n) Sänger*in und einige Instrumentalisten. Im Textheft der vorliegenden Aufnahme gibt es keine Information über die Aufführingen der Kantaten von Graun. Die Besetzung besteht aus zwei Violinen, Viola und Basso continuo; in der Aufführung wird die Partitur mit einem Barockorchester realisiert: sechs Geigen, zwei Bratschen, zwei Violoncellos und einem Kontrabas. Grössere Besetzungen gab es auch in Italien - man denke an einige Kantaten von Händel - aber dann wurde das Orchester meistens mit Bläsern erweitert. Ob man hier eine Besetzung gewählt hat, die den damaligen Verhältnissen entspricht, lässt sich nicht beurteilen.

Dagegen wissen wir, dank des Komponisten und Theoretikers Johann Adam Hiller, welche Art von Stimme Graun hatte und wie er gesungen hat. "Seine Stimme war nicht besonders stark, aber sehr angenehm; sie war ein hoher Tenor. Er hatte eine große Leichtigkeit und sang Passagien mit vieler Fertigkeit und Deutlichkeit in der rechten Singart (...). Doch trug er auch die zum Adagio gehörigen Volaten vortrefflich vor. Dieses sang er überhaupt sehr zärtlich und rührend." Eine Stimme und eine Singweise lassen sich schwer mit Worten beschreiben. Deswegen werden wir nie genau wissen, wie Graun geklungen hat. Trotzdem lässt sich aus dieser Beschreibung und der Tessitur der Kantaten ableiten, dass mit 'hohem Tenor' eine Stimme gemeint ist, die man heute als haute-contre bezeichnet, und die vor allem in Frankreich beliebt war. Ein berühmter Komponist mit einer solchen Stimme war Marc-Antoine Charpentier.

Aus diesem Blickwinkel hat Aco Bišćević genau die richtige Stimme für dieses Repertoire. Ich wage es sogar, ihn als einen 'Graun-Tenor' zu bezeichnen, denn seine Stimme und Singweise scheinen mir der Beschreibung von Hiller zu entsprechen. Sein Volumen kenne ich nicht, aber er singt ganz unforciert, und das passt gut zur nicht sehr kräftigen Stimme von Graun. Aber die Lautstärke ist sowieso nicht ausschlaggebend (was manche Sänger von heute offensichtlich nicht verstehen), im Gegensatz zur Verständlichkeit des Textes. In diesem Bereich ist hier alles in Ordnung, und auch Grauns Art und Weise Passagien zu singen, höre ich in der Darstellung von Bišćević.

Grauns Kantaten zeigen, dass er ein Vertreter eines neuen Stils war. In den Instrumentalstimmen wird auf Kontrapunkt verzichtet; nach dem Ideal des galanten Stils ist die Melodie führend. Das trifft auch auf die Textbehandlung zu: der Text wird selten in der Musik ausgemalt, wie das noch im Barock üblich war. Erwähnenswert ist auch, dass die Arien meistens länger sind als in italienischen Kammerkantaten; eine dauert sogar ganze 12 Minuten. Alle haben ein Dacapo. Sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich von Arien in Opern jener Zeit.

Wie schon bemerkt, sind die Kantaten von Graun bis dato wenig beachtet. In den letzten Jahren sind einige Aufnahmen erschienen, u.a. mit Hannah Morrison und dem Main-Barockorchester. Es ist schön, dass die hier aufgezeichneten Kantaten noch nicht im Katalog vertreten sind. Damit ist diese CD eine substantielle Erweiterung und - angesichts der Qualität der Musik und dem Niveau der Interpretationen von Aco Bišćević und dem vorzüglich und engagiert spielenden Barockorchester der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach - eine Bereicherung der Diskographie.

Carl Heinrich Graun: "A Gentle Tenor"
Aco Bišćević, haute-contre; Barockorchester der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach/Michael Hofstetter
Accent ACC 24404 (© 2024) Details

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