Freitag, 10. April 2026
Vivaldi in Prag - The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen
Antonio Vivaldi ist untrennbar mit Venedig verbunden. Obwohl er sich gelegentlich auch anderswo aufhielt, beispielsweise während der Karnevalszeit in Rom, um die Aufführung einer seiner Opern zu überwachen, verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Venedig. Sein Ruf, insbesondere als Violinvirtuose, beschränkte sich jedoch nicht auf Italien. 1716 begegnete ihm der deutsche Geiger Johann Georg Pisendel, als dieser als Mitglied des Gefolges des sächsischen Kurfürsten Friedrich August, der die Stadt im Rahmen seiner Grand Tour besuchte, in Venedig weilte. Zwei Jahre später kam ein Adliger aus Prag, Graf Wenzel von Morzin, mit seinem Orchester nach Venedig, das Vivaldi als „virtuosissima“ bezeichnete. Während des Aufenthalts des Grafen fungierte Vivaldi als dessen Dirigent in Italien.
Die Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen hat eine CD aufgenommen, die die Kontakte zwischen Vivaldi und Prag dokumentieren, die sich aus diesem Besuch ergaben. Das Programm spiegelt die beiden Hauptqualitäten Vivaldis wider: den Violinvirtuosen und den Opernkomponisten.
Die erste Qualität wird durch zwei Violinkonzerte tschechischer Komponisten veranschaulicht. Der erste stammt von Antonín Reichenauer, der während seines Aufenthalts in Venedig offenbar dem Orchester des Grafen Morzin angehörte. Er war ein produktiver Komponist geistlicher Musik, doch bisher wurden vor allem seine Konzerte aufgenommen. Dazu gehören Konzerte für Violine, Oboe und Fagott. Wahrscheinlich wurde er als Fagottist ausgebildet, aber es ist schwer vorstellbar, dass er nicht auch die Geige beherrschte, angesichts des technischen Niveaus seines Violinkonzerts in c-Moll. Das Konzert für Oboe und Fagott in F-Dur könnte die Vermutung unterstützen, dass er ein professioneller Fagottist war, denn die Fagottpartie ist techisch anspruchsvoller als die der Oboe.
Ein zweites Violinkonzert stammt von František Jiránek. Auch er stand im Dienst des Grafen Morzin, aber später als Reichenauer. 1724 schickte ihn sein Arbeitgeber nach Venedig, um bei Vivaldi zu studieren. Das führte dazu, dass er Violinkonzerte komponierte, die Vivaldis Werken so sehr ähneln, dass Zweifel an ihrer Urheberschaft bestehen. Das Konzert in d-Moll ist ein brillantes Beispiel. In den beiden Violinkonzerten ist Tassilo Erhardt der Solist, der mit seiner technischen Brillanz, seinen Verzierungen und Kadenzen, aber auch mit seinem Gespür für die lyrischen Aspekte beeindruckt.
Auch Vivaldi ist mit einem Konzert vertreten, nicht für Violine, sondern für Fagott. Er war der erste Komponist, der eine große Anzahl von Konzerten für dieses Instrument schrieb, das lange Zeit fast ausschließlich im Basso continuo verwendet wurde. Rawson vermutet, dass das Konzert in g-Moll für Anton Möser, einen Fagottisten im Dienst des Grafen Morzin, geschrieben wurde. Der Zusatz „Per Morzin“ lässt keinen Zweifel daran, für welches Ensemble es komponiert wurde, aber warum sollte es nicht für Reichenauer bestimmt gewesen sein?
Abgesehen von einer Motette von Reichenauer ist der Vokalteil dieser Produktion der Oper gewidmet. Der Kontakt zwischen Vivaldi und Graf Morzin führte nicht nur dazu, dass Vivaldi seine Konzerte 'Die vier Jahreszeiten' Morzin widmete, sondern auch zu einem persönlichen Besuch in Prag, um die Aufführung seiner Oper Il Farnace zu begutachten. Es war nicht das erste Mal, dass eine italienische Oper in Prag aufgeführt wurde. 1724 lud der tschechische Adlige Graf Anton von Sporck eine venezianische Operntruppe ein. Unter der Leitung des venezianischen Impresarios Antonio Denzio wurden hauptsächlich Pasticcios aufgeführt. Die italienische Oper erfreute sich so großer Beliebtheit, dass Prag zu einem 'zweiten venezianischen Opernzentrum' wurde, von dem aus zahlreiche Künstler an Opernhäuser in Italien, Deutschland oder London wechselten.
Eines dieser Pasticcios war Il confronto dell'amor coniugale (1727). Darin enthalten war die Arie 'Jsme veselí a zpíváme', die erste Opernarie, die jemals in tschechischer Sprache gesungen wurde, vermutlich um ein breiteres Publikum zu erreichen. Die Partitur ist verloren gegangen; hier erklingt eine Rekonstruktion auf der Grundlage von Vivaldis Kantate La Farfaletta (RV 660). Sie wird von Ciara Hendrick exzellent gesungen. Selbstverständlich kann ich nicht überprüfen, ob ihre tschechische Aussprache idiomatisch ist. Vielleicht hat Hana Blažiková ihr ein paar Tipps gegeben; sie kümmert sich um die anderen Arien.
Eine davon ist eine weitere Rekonstruktion. 'La Cervetta' stammt aus dem Pasticcio Praga nascente da Libussa e Primislao, einer Nacherzählung des Gründungsmythos von Prag. Offenbar ist die Partitur nicht erhalten geblieben. Wir hören hier eine leichte Bearbeitung der gleichnamigen Arie aus Vivaldis Oper Giustino (1724). Wie bereits erwähnt, war er 1729 in Prag für eine Aufführung seiner Oper Il Farnace. Darin befindet sich die Arie 'Gelido in ogni vera', die Vivaldi erstmals in Siroe, re di Persia verwendete; Diese Fassung erschien erneut in Argippo, das eigens für eine Aufführung in Sporcks Theater im Jahr 1730 zusammengestellt wurde. Der Beginn der Arie – "Wie Eis in jeder Ader spüre ich mein Blut fließen" – inspirierte Vivaldi zu einer Musik, die Motive aus dem Konzert 'Der Winter' der Vier Jahreszeiten aufgreift.
Schliesslich erklingt noch eine Arie aus dem ersten grossangelegten Werk in tschechischer Sprache (obwohl zum Teil auch auf Deutsch), komponiert von František Antonín Míča. Inspiriert von den Aufführungen in Sporcks Theater gründete Graf Adam von Questenburg in Jaromerice in Mähren ein Theater als Teil seines musikalischen Haushalts. Míča war sein Hofkomponist und ein Schüler von Antonio Caldara.
Hana Blažiková ist eine der Stars der Alten Musik, singt aber selten Oper. Ob sie sich darin nicht ganz wohlfühlt oder nicht eingeladen wird, weiss ich nicht. Im letzteren Fall mag das an ihrer Gesangsweise liegen, die sich so sehr unterscheidet von was heute - zu meinem Bedauern - gang und gäbe ist. Meiner Ansicht nach hat der Gesang in den meisten Aufführungen von Barockopern wenig bis gar nichts mit der barocken Ästhetik zu tun. Das zeigt sich besonders im Dauervibrato und der Tatsache, dass der Text oft kaum zu verstehen ist. Ich wünschte, Opernsängerinnen wären mehr wie Blažiková. Sie beweist hier, dass es durchaus möglich ist, brillant und ausdrucksstark zu singen, ohne auf einen Gesangsstil zurückzugreifen, der im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Und wie schön ist es doch, zu verstehen, was gesungen wird!
Die vielen Neuheiten und der historische Kontext der aufgeführten Werke machen diese CD besonders wertvoll. Sie erweitert unseren musikalischen Horizont, sowohl in Bezug auf Vivaldi als auch auf das Musikleben im barocken Prag, und umfasst hochkarätige Musik, die allesamt auf höchstem Niveau interpretiert wird. Die Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen ist ein exzellentes Ensemble, wie sie bereits auf ihren vorherigen CDs bewiesen hat. Neben Tassilo Erhardt in den Violinkonzerten glänzen Mark Baigent und Sally Holman in den Solopartien für Oboe bzw. Fagott.
"Vivaldi in Prague"
Hana Blažiková, Sopran, Ciara Hendrick, Alt; Tim Dickinson, Bass; Tassilo Erhardt, Violine; Mark Baigent, Oboe, Sally Holman, Fagott; The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen/Robert Rawson
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