Freitag, 30. Oktober 2026
Lassus: Requiems - Vox Luminis
Im Monat November werden in aller Welt Requiems aufgeführt. Es ist der letzte Monat des Kirchenjahres, und in der katholischen Liturgie fängt er mit zwei Gedenktagen an: Allerheiligen (1.11.) und Allerseelen (2.11.). Im richtigen Moment hat Ricercar eine Neuaufnahme der beiden Totenmessen von Orlandus Lassus auf den Markt gebracht.
Lassus hat ein sehr umfangreiches Oeuvre hinterlassen, in dem so gut wie alle Gattungen seiner Zeit vertreten sind, von Messen auf Latein bis Liedern in der Volkssprache, wie Französisch und Deutsch. Darin wirderspiegeln sich die verschiedenen Orte, wo er gewirkt hat. Die längste Zeit seines Lebens hat er am Bayerischen Hof zu München verbracht, zunächst als Tenor im Chor, und dann ab 1563 als Kapellmeister, als Nachfolger von Ludwig Daser. In dieser Zeit ist der grösste Teil seines Oeuvres entstanden, und dazu zählen auch seine zwei Requiemvertonungen. Die erste, zu vier Stimmen, erschien 1577 in Paris in Druck. Das zweite Requiem, zu fünf Stimmen, erscheint erstmals in einer Handschrift der herzoglichen Kapelle vom 22. April 1580. Es wurde 1589 in München gedruckt, als Teil einer Sammlung mit fünfstimmigen Messen.
Es scheint keinen konkreten Anlass zur Komposition dieser Totenmessen gegeben zu haben. Zeitlich lässt sich keine Verbindung zu Beerdigungen von Leuten am Münchner Hof oder von Persönlichkeiten aus der Münchener Gesellschaft herstellen. Auch die Tatsache, dass beide Werke in Druck erschienen, könnte darauf hinweisen, dass sie für den allgemeinen Gebrauch bestimmt waren.
Das vierstimmige Requiem ist in zwei verschiedenen Fassungen erhalten. Zum einen gibt es die Druckausgabe, in der die Stimmen konventionell aufgeteilt sind. Darin fehlt die Sequenz Dies irae. Obwohl dieses Requiem nicht sehr oft aufgeführt wird und aufgenommen worden ist, ist diese Fassung die bekannteste. Vox Luminis hat sich für die Fassung entschieden, die in Handschrift erhalten ist. Sie stammt aus den Beständen der ehemaligen Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra in Augsburg. Insgesamt gibt es 23 Chorbücher, die zwischen 1568 und 1614 von Johannes Dreher, einem Mönch der Abtei, kopiert wurden. Darin sind auch andere Meister der Zeit vertreten, wie Heinrich Isaac, Jacobus de Kerle und Giovanni Gabrieli. Lassus' Requiem befindet sich in einem Chorbuch, das 1575 zusammengestellt wurde.
In zweierlei Hinsicht unterscheidet sich diese Fassung von der in Paris veröffentlichten. Erstens ist das ganze Stück um eine Quinte nach unten transponiert. Daraus ergibt sich eine besondere Stimmverteilung: Tenor, Bariton, Bass I und Bass II. Der zweite Bass liegt sehr tief, und diese Stimme enthält auch die Intonationen zu den verschiedenen Messabschnitten. Zweitens enthält diese Fassung die in der Pariser Fassung fehlende Sequenz Dies irae. Dazu kommt, dass zwischen "Oro suplex" und "Lacrimosa" einen zusätzlichen Vers eingeschoben ist: "Ne me perdas sed regnare". Bei dieser Sequenz handelt es sich um eine Alternatim-Vertonung, was heisst, dass die Verse abwechselnd ein- und mehrstimmig gesungen werden. Bemerkenswert ist, dass hier die einstimmigen Verse nicht von Bass II, sondern vom Bariton gesungen werden. Man fragt sich deshalb, ob diese Sequenz von Lassus stammt, oder ob jemand anders sie eingefügt hat (oder ist es eine selbständige Vertonung von Lassus, die auf irgendeine Weise in die Hände von Dreher geraten ist?). Auch bemerkenswert, aber vielleicht weniger überraschend, ist, dass in dieser Handschrift Lassus nicht als Komponist erwähnt wird.
Wie dem auch sei, diese Fassung stellt eine echte Alternative zu der gedruckten dar, und deswegen kann die Bedeutung dieser Aufnahme nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Im Vergleich ist die fünfstimmige Vertonung 'konventioneller'. Die fünf Stimmen sind auf Sopran, Alt, Tenor I, Tenor II und Bass verteilt. Auch hier liegt der Bass ziemlich tief, und auch hier werden die einstimmigen Intonationen vom Bass dargestellt. Musikalisch gibt es einige weitere Gemeinsamkeiten. Beide basieren auf gregorianischen Motiven, die quer durch die Messen in allen Stimmen erscheinen. Zudem gibt es in beiden Requiems Passagen für reduzierte Besetzungen: zwei oder drei Stimmen. Die unterschiedliche Stimmverteilung hat aber zum Effekt, dass das fünfstimmige Requiem einen etwas leichteren, optimistischeren Ton hat als das vierstimmige.
Diese Produktion scheint die erste überhaupt zu sein, die beide Requiems zusammenbringt. Das vierstimmige Requiem wird zweifellos die grösste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die handschriftliche Fassung erklingt hier nicht zum ersten Mal: 2015 erschien beim Label Perfect Noise eine Aufnahme der Capella Foccara. Darin wirken auch Instrumente mit, was fraglich ist. Das Textheft zu dieser Produktion enthält einige interessante Anregungen zur Frage des möglichen Anlasses zur Komposition dieses Requiems. Ich bevorzuge die Interpretation des Ensembles Vox Luminis, das die beiden Werke eindrucksvoll darstellt. Man hat es geschafft, den Eindruck zu erwecken, dass man als Hörer eine Totenmesse beiwohnt. Die Atmosphäre ist auf CD schwer zu übertragen, aber Vox Luminus ist das in hohem Masse gelungen. Das polyphone Gewebe bleibt immer durchsichtig, soweit es die Zahl der Sänger (zwei bis drei pro Stimme) erlaubt. Wie immer bei diesem Ensemble ist die Phrasierung ganz logisch, dem Text folgend, und atmet das Ganze sehr schön. Ein perfektes Legato geht Hand in Hand mit einer Textverständlichkeit, die man in vergleichbaren Aufnahmen manchmal vermisst. Bei den tiefen Bässen fehlt jede Art von Anspannung; alles klingt ganz natürlich.
In Kürze: wir haben es hier mit einer meisterhaften Interpretation zweier Meisterwerke zu tun. Sie taugen nicht nur für den Novembermonat, aber fürs ganze Jahr.
Orlandus Lassus: "Requiem"
Vox Luminis/Lionel Meunier
Ricercar RIC 493 (© 2026) Details
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