In meiner CD-Sammlung habe ich eine stattliche Zahl von Aufnahmen der Sonaten für Cembalo und Violine von Johann Sebastian Bach. Fast jedes Jahr erscheint eine neue Aufnahme, und die Liste der verfügbaren Aufnahmen wächst stetig. Im Vergleich schneiden die Sonaten für die gleiche Besetzung, die Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel zu Papier gebracht hat, viel weniger gut ab. Sie sind zwar alle auf CD erschienen, und vor einigen Jahren erschien eine Gesamtaufnahme des Duos Belder Kimura (Resonus Classics, 2017), aber in Konzerten hört man sie kaum und sie gehören bei weitem nicht zum Standardrepertoire. Wer sie kennt, mag sich wundern, was die Ursache sein könnte. Auf jeden Fall ist es positiv zu bewerten, wenn Musiker der Spitzenklasse wie Kristian Bezuidenhout und Rachel Podger sich diesen Sonaten widmen.
Sie bieten eine Übersicht des Schaffens von Emanuel Bach in dieser Besetzung. Das Programm fängt mit der Sonate in G-Moll an, die früher dem Vater zugeschrieben und als BWV 1020 in den Schmieder-Katalog aufgenommen wurde. Später hat man dieses Werk dem Sohn zugeschrieben, aber es gibt keine Sicherheit über die Autorschaft. Daher ist es zu bedauern, dass die BWV-Nummer in der Trackliste gar nicht erwähnt wird. Falls sie von Emanuel stammt, hat er sie vielleicht unter Aufsicht seines Vaters komponiert, wie auch die Sonate in D-Dur (Wq 71), die das Programm abschliesst. Dazwischen stehen zwei Sonaten einer Gruppe von vier, die 1763 entstanden sind, sowie die Arioso con variazioni des Jahres 1780. In letzterem Werk zeigt sich vor allem die Empfindsamkeit, die als Merkmal des Schaffens von Emanuel Bach gilt. Die Sonate in H-Moll (Wq 76) ist ein dramatisches Werk, vor allem wegen der Interventionen der Geige. Der Mittelsatz der Sonate in C-Moll (Wq 78) ist sehr ausdrucksreich.
Man kann es diesen beiden Künstlern überlassen, die Merkmale der Sonaten ans Tageslicht zu bringen. Ihr Spiel ist makellos, und sie harmonieren perfekt. Sie machen klar, dass diese Sonaten zu Unrecht vernachlässigt werden. Deswegen würde ich diese Aufnahme gerne empfehlen, wenn es da nicht einen Haken gäbe. In den zwei frühesten Sonaten spielt Bezuidenhout ein Cembalo, und das ist zweifellos richtig. In der Arioso spielt er ein Fortepiano, und angesichts der Zeit der Entstehung ist das plausibel. Allerdings ist die Wahl einer Kopie eines Walter-Flügels des Jahres 1805 alles andere als plausibel. Dieses Instrument versetzt uns in die Klangwelt von Beethoven. Schlimmer noch ist, dass Bezuidenhout dieses Instrument auch benutzt in den Sonaten von 1763. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass Emanuel damals schon das Fortepiano gespielt hat, und wenn schon, dann einen Silbermann, und das ist eben ein ganz anderes Instrument als ein Walter.
Es ist mir ein Rätsel, weshalb Musiker, die sich der historischen Aufführungspraxis versprochen haben, sich so wenig um die Verwendung 'historisch korrekter' Instrumente scheren. Bezuidenhout ist gewiss nicht der Einzige. Wie gut hier auch gespielt wird, die Wahl des Fortepianos tut der Überzeugungskraft der Interpretation erheblichen Abbruch.
CPE Bach: "Sonatas for Keyboard & Violin"
Kristian Bezuidenhout, Cembalo, Fortepiano; Rachel Podger, Violine
Channel Classics CCSSA41523 (© 2023) details
Freitag, 29. März 2024
Freitag, 1. März 2024
Le berger innocent - Ensemble Danguy
Im 18. Jahrhundert entstand ein lebhaftes Interesse an Musik, die für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region charakteristisch war. Es war die Zeit der Aufklärung, die das Wissen der Menschen erweitern möchte und die Bedeutung des Lernens betonte. Dies führte zu einer Untersuchung unbekannter Kulturen, insbesondere aussereuropäische. Dies erklärt die Stellen von Türken, 'Indianern' oder Inkas in der französischen Musik des 18. Jahrhunderts. Das bekannteste Beispiel ist Jean-Philippe Rameaus Oper Les Indes galantes. Komponisten interessierten sich auch für die traditionelle Musik ihres eigenen Landes. In England zeigten mehrere Komponisten Interesse an traditioneller Musik aus Schottland, sogar Einwanderer wie Francesco Geminiani. Damit einher ging eine zunehmende Sehnsucht nach 'Natürlichkeit', wie sie etwa bei Giuseppe Tartini, aber auch bei Christoph Willibald von Gluck im Bereich der Oper zum Ausdruck kommt.
In Frankreich idealisierten Maler, Schriftsteller und Komponisten das natürliche und einfache Leben auf dem Lande. Das Wort champêtre taucht immer wieder in Musikwerken auf. Zwei Instrumente galten als typisch für das Landleben: die Vielle (Drehleier) und die Musette. Komponisten von Ruf, die wir heute noch kennen, wie Joseph Bodin de Boismortier, haben dafür Musik komponiert, aber die virtuosesten Stücke stammen von Spezialisten auf diesen Instrumenten, deren Namen fast ganz vergessen sind, wie Monsieur Ravet, Jean-Baptiste Dupuits und Jean-François Boüin. Dank Tobie Miller werden sie hetzutage wieder zu einiger Bekanntheit verholfen. Mit ihrem Ensemble Danguy hat sie vor einigen Jahren eine CD aufgenommen mit Sonaten, die zeigen wie hochentwickelt die Kunst des Spiels auf der Drehleier war, und dass es alles andere als ein 'primitives' Instrument ist. Auf ihrer neuesten CD wird das Repertoire ausgeweitet mit Stücken für zwei Drehleier (die zweite wird von Alice Humbert gespielt) und für Drehleier und Musette; letzteres Instrument spielt François Lazarevitch. Dazu kommen noch einige Vokalwerke, in der Monika Mauch zu hören ist. Die sogenannten cantatilles (kleine Kantaten) sind relativ einfach, und sind zweifellos für musikalische Laien bestimmt. Die Sonaten dagegen gehen wohl weit über ihre Fähigkeiten hinaus, und sind für Profis gedacht.
Diese Produktion bietet ein faszinierendes Bild der französischen (Musik)-Kultur, und beleuchtet einen Aspekt, den wir vielleicht aus den Büchern und Gemälden kennen, der in der Musik aber selten Beachtung findet. Tobie Miller ist eine echte Virtuosin auf ihrem Instrument, und ihr Spiel ist oft schlicht atemberaubend. Ihre Kollegen stehen ihr in nichts nach. Monika Mauch ist eine versierte Sängerin, und es ist immer eine Freude, sie zu hören. Schön, dass hier eine historische Aussprache gepflegt wird. Insgesamt ist diese CD eine echte Bereicherung der Diskographie und das Programm ist von Anfang bis Ende unterhaltsam, wegen der Qualität der Musik und des Niveaus der Interpretation.
"Le berger innocent"
Ensemble Danguy/Tobie Miller
Ricercar RIC 448 (© 2024) details
Montag, 26. Februar 2024
Cavalieri: Lamentationes - Profeti della Quinta
Der Name Emilio de' Cavalieri ist untrennbar mit einem Werk verbunden, der Rappresentatione di Anima e di Corpo, einer Moralität, die im Jahr 1600 uraufgeführt wurde und manchmal als die erste Oper der Geschichte betrachtet wird. Es war ein Werk von bahnbrechender Bedeutung, insbesondere wegen seiner Besetzung für Solostimmen und Basso continuo. Die Dialoge haben die Form von Rezitativen, die nach dem Prinzip des recitar cantando, dem Sprachgesang, dargestellt werden sollen. Auf diese Weise konnte der Text optimal dem Publikum vermittelt werden. In gewisser Weise ist die Musik zur Karwoche, die Gegenstand der vorliegenden CD ist, sogar noch zukunftsweisender. Die Zeit der Komposition ist nicht bekannt, aber auch wenn sie ungefähr zur gleichen Zeit entstand wie die Rappresentatione, war sie stilistisch höchst bemerkenswert, da die Klagelieder des Jeremia und die Tenebrae-Responsorien traditionell im stile antico vertont wurden, wie von Cavalieris Zeitgenossen Carlo Gesualdo und Tomás Luis de Victoria. Das macht es umso bemerkenswerter, dass die letzten Aufnahmen seiner Lamentationes schon mehr als zwanzig Jahre alt sind. 2001 veröffentlichte Alpha eine Aufnahme von Le Poème Harmonique, und 2002 erschien eine Aufnahme des Gesualdo Consort Amsterdam. Eine Neuaufnahme ist daher höchst willkommen, zumal sie auf einer Neuausgabe basiert, die der Leiter von Profeti della Quinta, Elam Rotem, erstellt hat. Sie ist kostenlos in der Petrucci Music Library erhältlich.
Wie oben erwähnt, ist das Entstehungsdatum der Klagelieder und Responsorien nicht bekannt. Da Cavalieri 1602 verstarb, sind sie wohl um 1600 oder sogar früher entstanden. Damit sind sie sehr modern und zukunftsweisend. In der Einleitung zur seiner Notenausgabe weist Rotem darauf hin, dass die Lamentationes Merkmale enthalten, die den Ideen, die Cavalieri im Vorwort zu seiner Rappresentatione zum Ausdruck brachte, entsprechen. Er legt grossen Wert auf Vielfältigkeit, in Affekten, Tonalität und Formeln, und in der Abwechslung solistischer Stellen. Die Lamentationes sind die ersten geistlichen Monodien der Geschichte, komponiert in einem deklamatorischen Stil, und mit Begleitung eines Basso continuo. Die Responsorien, die in Abwechslung mit den Lamentationes gesungen wurden, weichen stilistisch einigermassen von diesen ab, vor allem in dieser Hinsicht, dass sie Verzierungszeichen enthalten, die in den Lamentationes fehlen. Sie enthalten auch weniger solistische Stellen. Das könnte darauf hindeuten, dass sie nicht gleichzeitig entstanden sind. Beweisen lässt es sich aber nicht.
Diese Werke sind nicht nur zukunftsweisend, sie zeigen auch Ähnlichkeit mit den Madrigalen, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Komponisten wie De Rore, Luzzaschi und Gesualdo veröffentlicht wurden, insbesondere in der Verwendung von Madrigalismen - das sind musikalische Figuren zur Ausmalung einzelner Wörter oder Phrasen - und der Anwendung harmonischer Mittel - bespielsweise Chromatik - im Interesse des Ausdrucks.
Keine Frage: wir haben es hier mit Meisterwerken zu tun, die viel besser bekannt, und häufiger aufgeführt werden sollten. Die Neuausgabe von Elam Rotem bietet alle Möglichkeiten dazu. Sein Vorwort enthält viele Informationen zum Werk und zur Interpretation. Mit seinem Ensemble hat er eine eindrucksvolle Interpretation vorgelegt. Selten hört man solch tief schürfende Darbietungen, die nicht nur stilistisch voll überzeugen, sondern auch den Idealen des Komponisten voll und ganz gerecht werden. Sie hinterlassen einen bleibenden Eindruck und sind eine wesentliche Ergänzung der Diskographie der Musik zur Fasten- und Passionszeit.
De' Cavalieri: Lamentationes
Profeti della Quinta/Elam Rotem
Pan Classics PC 10451 (© 2023) details
Mittwoch, 14. Februar 2024
Aretino: Sabbato Sancto - Odhecaton
Diese CD-Besprechung erscheint am Aschermittwoch. Es ist der erste Tag der Fastenzeit: die vierzig Tage vor Ostern. Es ist die Zeit, in der traditionell in christlichen Kirchen Busspsalmen, die Klagelieder Jeremias (Lamentationes Jeremiae) und die Responsorien für die Karwoche (Tenebrae Responsoria) gesungen werden. Im Laufe der Zeit haben sich viele Komponisten mit den jeweiligen Texten auseinandergesetzt. Was die Renaissance anbetrifft, gehören die Busspsalmen von Orlandus Lassus, die Lamentationes von Thomas Tallis und die Responsorien von Tomás Luis de Victoria und Carlo Gesualdo zu den bekanntesten und am meisten dargebotenen Vertonungen. Daher ist es schön, dass dann und wann auch mal etwas anderes auf CD erscheint, wie die Lamentationen und Responsorien von Paolo Aretino (1508-1584), einem Geistlichen und Komponisten, der sein ganzes Leben in Arezzo verbracht hat. Arezzo liegt etwa 70 Kilometern südöstlich von Florenz, und mit Komponisten, die dort wirkten, hat er in Kontakt gestanden, insbesondere Francesco Corteccia.
Aretinos Oeuvre ist nicht sehr gross. Es enthält Responsorien, Lamentationen, Magnificatvertonungen, sowie eine Johannes-Passion. Dazu kommen noch zwei Sammlungen mit Madrigalen. Das Ensemble Odhecaton hat Lamentationen aus einer 1563 gedruckten Sammlung aufgenommen, und dazu die Responsorien aus einer Druckausgabe des Jahres 1544. Daraus geht schon hervor, dass es sich nicht um ein geschlossenes Werk handelt. Man hat für diese Aufnahme die jeweiligen Stücke nach der liturgischen Ordnung zusammengefügt. Bis ins 16. Jahrhundert wurden solche Werke einstimmig dargeboten. Die ersten mehrstimmigen Vertonungen der Klagelieder Jeremias erschienen 1506 bei Ottaviano Petrucci in Venedig. Aretinos Sammlung von 1544 ist die - soviel wir wissen - erste gedruckte Sammlung von mehrstimmigen Responsorien.
Ein Merkmal dieser Werke ist, dass sie grösstenteils homorhythmisch sind und in Doppelganze- und Ganze-Noten notiert sind, und immer im Zweitakt. Daraus geht ein ziemlich langsames Tempo hervor, das nur dann und wann variiert wird, wenn der Text dazu Anlass gibt. Wir sind hier noch ziemlich weit vom Ausdruck eines Gesualdo entfernt, aber hier und da gibt es Stellen, wo Aretino den Text musikalisch ausmalt. In einem Responsorium, beispielsweise, singt nur eine Stimme die Worte "sine adiutorio" - ohne Hilfe. Das abschliessende Benedictus - der Lobgesang des Zacharias - hat einen etwas leichteren Ton, was sich aus dem hoffnungsvollen Text erklärt. Aretino hat es wohl deswegen in einer höheren Tessitur notiert als die Lamentationes und Responsorien. Leider wird der Effekt hier zunichte gemacht, indem die Partien nach unten transponiert sind.
Das ist nur ein kleiner Kritikpunkt zu einer sehr interessanten und wichtigen Einspielung von Stücken, die zwar im Bereich des Ausdrucks nicht mit den vergleichbaren Werken von Gesualdo oder Victoria mithalten können, aber auf ganz eigene Weise durchaus bewegend sind, vor allem auch wegen des langsamen Tempos und der generell tiefen Lage. Das ist auch dem Ensemble Odhecaton zu verdanken: es wird vorzüglich gesungen, die Balance zwischen den Stimmgruppen ist perfekt und die Durchsichtigkeit des Klangbildes sorgt für eine gute Textverständlichkeit.
Aretino: "Sabbato Sancto - Lamentationes et Responsoria"
Odhecaton/Paolo Da Col
Arcana A551 (© 2023) details
Aretinos Oeuvre ist nicht sehr gross. Es enthält Responsorien, Lamentationen, Magnificatvertonungen, sowie eine Johannes-Passion. Dazu kommen noch zwei Sammlungen mit Madrigalen. Das Ensemble Odhecaton hat Lamentationen aus einer 1563 gedruckten Sammlung aufgenommen, und dazu die Responsorien aus einer Druckausgabe des Jahres 1544. Daraus geht schon hervor, dass es sich nicht um ein geschlossenes Werk handelt. Man hat für diese Aufnahme die jeweiligen Stücke nach der liturgischen Ordnung zusammengefügt. Bis ins 16. Jahrhundert wurden solche Werke einstimmig dargeboten. Die ersten mehrstimmigen Vertonungen der Klagelieder Jeremias erschienen 1506 bei Ottaviano Petrucci in Venedig. Aretinos Sammlung von 1544 ist die - soviel wir wissen - erste gedruckte Sammlung von mehrstimmigen Responsorien.
Ein Merkmal dieser Werke ist, dass sie grösstenteils homorhythmisch sind und in Doppelganze- und Ganze-Noten notiert sind, und immer im Zweitakt. Daraus geht ein ziemlich langsames Tempo hervor, das nur dann und wann variiert wird, wenn der Text dazu Anlass gibt. Wir sind hier noch ziemlich weit vom Ausdruck eines Gesualdo entfernt, aber hier und da gibt es Stellen, wo Aretino den Text musikalisch ausmalt. In einem Responsorium, beispielsweise, singt nur eine Stimme die Worte "sine adiutorio" - ohne Hilfe. Das abschliessende Benedictus - der Lobgesang des Zacharias - hat einen etwas leichteren Ton, was sich aus dem hoffnungsvollen Text erklärt. Aretino hat es wohl deswegen in einer höheren Tessitur notiert als die Lamentationes und Responsorien. Leider wird der Effekt hier zunichte gemacht, indem die Partien nach unten transponiert sind.
Das ist nur ein kleiner Kritikpunkt zu einer sehr interessanten und wichtigen Einspielung von Stücken, die zwar im Bereich des Ausdrucks nicht mit den vergleichbaren Werken von Gesualdo oder Victoria mithalten können, aber auf ganz eigene Weise durchaus bewegend sind, vor allem auch wegen des langsamen Tempos und der generell tiefen Lage. Das ist auch dem Ensemble Odhecaton zu verdanken: es wird vorzüglich gesungen, die Balance zwischen den Stimmgruppen ist perfekt und die Durchsichtigkeit des Klangbildes sorgt für eine gute Textverständlichkeit.
Aretino: "Sabbato Sancto - Lamentationes et Responsoria"
Odhecaton/Paolo Da Col
Arcana A551 (© 2023) details
Dienstag, 30. Januar 2024
Les Hautbois à la Chambre du Roi - Syntagma Amici
Vor einigen Jahren erschien beim Label Ricercar eine CD des Ensembles Syntagma Amici unter dem Titel "Fastes de la Grande Écurie". Darin wurde die Entwicklung des Repertoires dokumentiert, das am Hofe zu Frankreich gespielt wurde, vor allem von der Grande Écurie. Während unter Ludwig XIII. noch Instrumente gespielt wurden, die im 16. Jahrhundert wurzelten, erklangen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als Ludwig XIV. die Regerung übernommen hatte, 'Barockinstrumente', wie Trompete, Oboe und Fagott. Sie spielten vor allem in der Freiluft, und der laute und penetrante Klang dieser Instrumente war dafür wie geschaffen. Als man die Oboe und das Fagott aber auch in den Kammermusikaufführungen am Hofe einsetzen wollte, war eben dieser Klang ein Problem. Die anderen Instrumente, wie Violine, Viola da gamba und Laute, würde überstimmt werden. Ausserdem waren sie zu hoch gestimmt. Deswegen war eine technische Anpassung notwendig, und dafür waren Mitglieder zweier Familien von Spielern und Instrumentenbauern zuständig: die Hotteterres und die Philidors.
Die jetzt vorliegende CD ist die Fortsetzung der soeben erwähnten. Sie zeigt, wie die rekonstruierten Instrumente am Hofe funktionierten. Das Programm ist so zusammengestelt, dass es einen Tag im Leben Ludwigs XIV. musikalisch dokumentiert. Musik erklang an allen wichtigen Momenten des Tages. Der erste Abschnitt ist dem Aufstehen des Königs gewidmet; dabei erklingt unter anderem die Sonate La Sultanne von François Couperin. Es folgt dann die tägliche Messe - neben einer Ouvertüre von Charpentier hören wir hier eine Motette von André Campra. Dann gibt es ein Konzert für den König, und darin erklingen das 11e Concert von Couperin und eine Sonate von Antoine Dornel. Tanzen gehörte zu den wichtigsten Beschäftigungen von Monarchen und Aristokraten, und so gibt es auch in diesem Programm einen Abschnitt mit Tanzmusik, von Philidor, Marais, La Barre und Visée. Schliesslich erklingt Musik, die hätte gespielt werden können, während der König ins Bett ging.
Diese Produktion ist aus mehreren Gründen interessant. Zum einen erklingt hier eine Mischung aus bekannten Stücken (Couperin) und weniger oder ganz unbekanntem Repertoire (Dornel, Campra, Tänze). Zweitens hören wir hier nicht nur die inzwischen geläufigen Instrumente wie Oboe und Fagott, sondern auch Blockflöten in unterschiedlichen Stimmungen (Tenor und Bass), ein Basskrummhorn, ein Flageolett und ein Schlaginstrument mit dem Namen chapeau chinois. Letztere erklingen vor allem in den Tänzen - genau das Repertoire, das man in Konzerten und CD-Aufnahmen weniger oft hört. Daher ist diese CD besonders aufschlussreich, indem sie dokumentiert, wie bunt das damalige Instrumentarium war. Und sie stellt auch unter Beweis, dass Musik eine überragende Rolle im täglichen Leben am Hofe spielte.
Syntagma Amici ist ein Ensemble von Spezialisten aus Frankreich, und genau wie in der ersten Folge wird auch hier wieder hervorragend gespielt. In der Interpretation hat man sich von den Gewohnheiten von damals leiten lassen, zum Beispiel, wenn ein Satz aus dem 11e Concert von Couperin als Cembalosolo erklingt. Soviel ich weiss, hat man sich hier Freiheiten erlaubt, die damals ganz geläufig waren. Fazit: eine interessante und musikalisch fesselnde Produktion.
"Les Hautbois à la Chambre du Roi"
Syntagma Amici
Ricercar RIC 458 (© 2024) details
Freitag, 26. Januar 2024
De Monte: Madrigali spirituali - Cappella Mariana
Philippus de Monte (1521-1603) war einer der wichtigsten Komponisten seiner Zeit. Er wurde in Flandern geboren, aber war die längste Zeit seines Lebens Kapellmeister im Dienste der Habsburgischen Kaiser, zunächst in Wien, dann in Prag. Damit hatte er eine der begehrtesten Stellen im damaligen Musikleben inne. Er hat ein grosses Oeuvre hinterlassen, das heute kaum Beachtung findet. Er wird mehr oder weniger überschattet von zwei Zeitgenossen, die ebenfalls ein umfangreiches Oeuvre komponiert haben: Orlandus Lassus und Giovanni Pierluigi da Palestrina. De Monte hat nicht nur liturgische Musik komponiert, sondern war auch einer der produktivsten Komponisten von Madrigalen. Das tschechische Vokalensemble Cappella Mariana hat sich einer besonderen Gattung gewidmet: dem madrigale spirituale. Dabei handelt es sich um ein Werk, dass Merkmale des weltlichen Madrigals enthält, aber dessen Text einen geistlichen oder moralischen Inhalt hat. Solche Stücke waren nicht für die Liturgie, sondern für Aufführungen im intimen Kreis gemeint, zur Unterhaltung und Erbauung.
Die Cappella Mariana hat sich fast ganz auf Vertonungen von Texten einer einzigen Poetin konzentiert: Vittoria Colonna. De Monte hat 27 ihrer Texte vertont, und neun davon erklingen hier. Es handelt sich meistens um Sonnetten, die aus zwei Abschnitten von acht bzw. sechs Zeilen bestehen. Dem entspricht die Struktur des Madrigals, das meistens aus zwei Teilen besteht. Obwohl ein Kennzeichen des Madrigals eine enge Verbindung von Text und Musik ist, und Komponisten oft einzelne Wörter oder Zeilen mit sogenannten Madrigalismen hervorheben, hält De Monte sich darin relativ zurück. Vielleicht finden seine Madrigale deswegen nicht die Beachtung, die vergleichbaren Werken anderer Komponisten zuteil wird. De Montes Musik ist nicht plakativ, sondern intim und subtil - Musik für Kenner und weniger für eine breite Zuhörerschaft. Es lohnt sich aber, seine Musik aufzuführen und anzuhören, wie diese CD eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und wer genau zuhört, wird durchaus Stellen finden, wo De Monte den Text effektiv in Musik darstellt.
Dabei ist die Cappella Mariana der ideale Interpret. Die SängerInnen wissen genau, wie man mit diesen Stücken umgehen soll, damit sie eine optimale Auswirkung erzielen. Die Stimmen harmonieren ausgezeichnet, und die Intonation ist makellos. Der Text kommt eindringlich herüber, und kein Detail bleibt unbeachtet. Mit dieser CD hat das Ensemble eine Spitzenproduktion vorgelegt, die hoffentlich dazu beiträgt, dass De Montes Musik mehr Beachtung findet.
De Monte: "Madrigali spirituali"
Cappella Mariana/Vojtěch Semerád
Passacaille PAS 1143 (© 2023) details
Die Cappella Mariana hat sich fast ganz auf Vertonungen von Texten einer einzigen Poetin konzentiert: Vittoria Colonna. De Monte hat 27 ihrer Texte vertont, und neun davon erklingen hier. Es handelt sich meistens um Sonnetten, die aus zwei Abschnitten von acht bzw. sechs Zeilen bestehen. Dem entspricht die Struktur des Madrigals, das meistens aus zwei Teilen besteht. Obwohl ein Kennzeichen des Madrigals eine enge Verbindung von Text und Musik ist, und Komponisten oft einzelne Wörter oder Zeilen mit sogenannten Madrigalismen hervorheben, hält De Monte sich darin relativ zurück. Vielleicht finden seine Madrigale deswegen nicht die Beachtung, die vergleichbaren Werken anderer Komponisten zuteil wird. De Montes Musik ist nicht plakativ, sondern intim und subtil - Musik für Kenner und weniger für eine breite Zuhörerschaft. Es lohnt sich aber, seine Musik aufzuführen und anzuhören, wie diese CD eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und wer genau zuhört, wird durchaus Stellen finden, wo De Monte den Text effektiv in Musik darstellt.
Dabei ist die Cappella Mariana der ideale Interpret. Die SängerInnen wissen genau, wie man mit diesen Stücken umgehen soll, damit sie eine optimale Auswirkung erzielen. Die Stimmen harmonieren ausgezeichnet, und die Intonation ist makellos. Der Text kommt eindringlich herüber, und kein Detail bleibt unbeachtet. Mit dieser CD hat das Ensemble eine Spitzenproduktion vorgelegt, die hoffentlich dazu beiträgt, dass De Montes Musik mehr Beachtung findet.
De Monte: "Madrigali spirituali"
Cappella Mariana/Vojtěch Semerád
Passacaille PAS 1143 (© 2023) details
Dienstag, 9. Januar 2024
Nardini: Sämtliche Werke für zwei Violinen - Ensemble Violini Capricciosi
Pietro Nardini (1722-1793) ist einer von vielen Komponisten, die in ihrer Zeit in hohem Ansehen standen, deren Musik aber heutzutage selten zu hören ist. Er wurde von Giuseppe Tartini auf der Geige unterrichtet, und entwickelte sich zu dessen begabtestem Schüler. Als Virtuose reiste er durch ganz Europa, und von 1768 bis zu seinem Tode wirkte er in Florenz, zunächst als Sologeiger und danach als Kapellmeister am Hofe des Grossherzogs Leopold von Toskanien. Er hatte mehrere Schüler, die sich zu berühmten Solisten entwickelten. Zu seinen Bewunderern zählen Leopold Mozart und Charles Burney.
Nardini's Oeuvre ist nicht besonders gross, aber qualitativ von grosser Bedeutung. Es enthält Solokonzerte für Violine und für Traversflöte, Ouvertüren, Solo- und Triosonaten sowie Duette für Violinen, Streichquartette und einige Cembalowerke. Die Druckausgaben sind meistens undatiert, was es nahezu unmöglich macht die Zeit der Komposition festzustellen. Aufgrund von Nardinis Lebensdaten könnte man meinen, er gehöre zur Zeit der Klassik. Das ist aber nicht ganz korrekt. Seine Streichquartette, die in den frühen 1780er Jahren gedruckt wurden, können dieser Stilepoche zugerechnet werden, aber die Triosonaten, die die hier rezensierte Produktion eröffnen, sind eher spätbarocke Werke. Viele Komponisten des Barock haben mit solchen Stücken auf sich aufmerksam gemacht. Mit Triosonaten konnten sie ihre Fähigkeit im Bereich des Kontrapunkts unter Beweis stellen. Ausserdem waren solche Werke besonders geeignet für technisch gut ausgestattete Laien, und damit wirtschaftlich interessant, vor allem, wenn man andere Instrumente als Alternative erwähnte, insbesondere die unter Laien beliebte Traversflöte. Das ist auch bei Nardinis Triosonaten der Fall. Sie wurden 1768 in London veröffentlicht, und bestehen aus drei Sätzen. Der Einfluss des damals dominanten galanten Stils lässt sich deutlich feststellen. Stilistisch damit zu vergleichen sind 14 Menuette für zwei Violinen und Bass. Das Menuett war eine damals sehr beliebte Form; der Musikwissenschaftler Rudolf Rasch, der die Programmerläuterung verfasste, spricht sogar von einem 'Menuettmanie'.
Im Jahre 1765 erschienen in Paris sechs Duette für zwei Violinen. Stilistisch unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den oben erwähnten Stücken, aber technisch stehen sie auf einem höheren Plan. Sie sind nicht für Durchschnittslaien, sondern für Profis und vielleicht technisch besonders begabte Laien bestimmt. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Technik der Doppelgriffe hier angewandt wird. In einigen Duetten gibt es aussermusikalische Elemente: im Duett Nr. 3 sind das verschiedene Tiere, im Duett Nr. 4 werden im letzten Satz Hörner imitiert; der Titel lautet La Caccia.
Die Bedeutung dieser Produktion ist schwer zu überschätzen. Diese Musik wird die Musikwelt nicht auf den Kopf stellen, aber alle hier eingespielten Stücke sind wertvolle Erweiterungen des Repertoires. Das gilt insbesondere für die Duette für Violinen ohne Begleitung, denn solche Stücke gibt es nicht so viele. Musikalisch sind sie der interessanteste Teil dieser Produktion. Igor Ruhadze und Daria Gorban zeichnen verantwortlich für hervorragende und spannende Darbietungen. In den Stücken mit Basso continuo werden sie angemessen von Jacopo Ristori (Violoncello) und Anastasiya Akinfina (Cembalo) unterstüzt. Es ist zu hoffen, dass weitere Werke von Nardini in der näheren Zukunft eingespielt werden.
Nardini: "Complete Music for 2 Violins"
Ensemble Violini Capricciosi
Brilliant Classics 96873 (© 2023) details
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