Freitag, 9. Oktober 2026

Boismortier: Sonaten für Traversflöte - Marion Treupel-Franck


Es gab mal eine Zeit, da wurde die Musik von Joseph Bodin de Boismortier (1689-1755) nicht wirklich ernst genommen. Sie wäre technisch zu einfach, und etwas oberflächlich. Dass er ein echter Vielschreiber war, sprach auch nicht für ihn. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Seit einigen Jahren sind mehrere Aufnahmen auf den Markt gekommen, die zeigen, dass seine Musik höher eingeschätzt wird als früher der Fall war. Und diese Aufnahmen zeigen, dass seine Werke guter Qualität sind. Das beweist auch die Produktion, die hier besprochen wird.

Mehr als 100 Sammlungen hat Boismortier veröffentlicht, meistens im Eigenverlag. Seine Musik war in erster Linie für musikalische Laien bestimmt. Deswegen sind die technischen Anforderungen oft beschränkt. Trotzdem zeigt vor allem sein Schaffen für die Traversflöte, dass man die Fähigkeiten der Laien von damals nicht unterschätzen sollte. Boismortier hatte wahrscheinlich sowieso auch pädagogische Absichten mit seinen Sonatensammlungen. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass er ein Lehrwerk für die Traversflöte verfasste, das aber leider verlorengegangen ist. In vielen Sammlungen überlässt er - nach der Usance der Zeit - die Wahl der Instrumente den Interpreten. Meistens werden auf den Titelseiten mehrere Instrumente als Alternativen erwähnt. Es gibt aber auch einige Sammlungen, die speziell für die Traversflöte gemeint sind; dieses Instrument scheint Boismortier bevorzugt zu haben. Sie widerspiegeln auch die wachsende Popularität des Instruments, das allmählich die Blockflöte verdrängte. Aus diesen Sammlungen hat Marion Treupel-Franck eine Auswahl gemacht.

Im von ihr eingespielten Programm lassen sich einige technische und stilistische Entwicklungen verfolgen. Ich wies schon darauf hin, dass es Sonaten gibt, die technisches Können verlangen. Die hier eingespielten Sonaten aus dem Op. 3 (1724) sind relativ einfach, die Sonaten des Op. 44 (1733) wesentlich komplizierter. In den späteren Werken zeigt sich die Emanzipation der Traversflöte, die der Geige Konkurrenz machte, auch darin, dass Violintechniken auf die Flöte übertragen wurden. In Boismortiers Sonaten zeigt sich der Einfluss von u.a. Jean-Marie Leclair.

Eine stilistische Entwicklung ist der wachsende Einfluss des italienischen Stils. Während die Sonaten des Op. 3 und deren Sätze französische Titel tragen (6e Sonate, bestehend aus gravement, courante, doucement und gavotte) sind die Sonaten Op. 19 und deren Sätze mit italienischen Inschriften versehen (Sonata sesta, bestehend aus largo, allegro, adagio und minuetto primero & secondo). Boismortier wurde vor allem von Corelli und Vivaldi beeinflusst. In einer hier ebenfalls aufgenommenen Prélude zitiert er sogar eine Sonate aus dem Op. 5 von Corelli.

Damit widerspiegelt die Entwicklung in der Flötenmusik von Boismortier auch das Musikleben in Frankreich, das im Verlaufe der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer stärker unter italienischem Einfluss geriet. In diesem Sinne ist es auch passend, dass im Ensemble ein Violoncello statt eine Gambe im Basso continuo spielt. Darin nimmt das Fagott eine prominente Stelle ein, und das ist etwas ungewöhnlich. Es lässt sich deutlich hören. In einem Stück wird dem Fagott sogar eine Solorolle zuerteilt. "Die Quatriéme Sonate aus op. 3 wurde in dieser Aufnahme - in Anlehnung an zeitgenössische Kompositions- und Improvisationspraxis - um einen Controcanto (Contrepartie) ergänzt. Diese Technik, die besonders von François Couperin gepflegt wurde, fügt zu Melodie- und Bassstimme eine Mittelstimme hinzu, die melodische, harmonische und rhythmische Funktionen übernimmt. Aus der Solosonate entsteht so gleichsam eine Triosonate." Es ist einer der interessanten Aspekte dieser Produktion.

Marion Treupel-Franck ist eine Spezialistin in diesem Repertoire, und das zeigt sich in den völlig idiomatischen Darbietungen. Sie zeigt die ganze Bandbreite der Möglichkeiten der Traversflöte. Der Klang ist manchmal sanft und subtil, dann wieder kräftig. Diese Sonaten sind eine Mischung aus französischer Eleganz und italienischem Pathos, und damit entsprechen sie dem Ideal der Zeit, bekannt als dem "vermischten Geschmack". In der Interpretation kommt das perfekt zum Tragen. Im Basso continuo fehlt ein Cembalo; ich habe es nicht vermisst. Sergio Azzolini, Francesco Galligioni und Diego Catalupi sorgen für ein starkes Fundament.

Musik und Interpretation sind hier eine perfekte Kombination.

Joseph Bodin de Boismortier: "La Poésie du son - Flute Music by Joseph Bodin de Boismortier"
Marion Treupel-Franck, Traversflöte; Sergio Azzolini, Fagott; Francesco Galligioni, Violoncello; Diego Cantalupi, Theorbe
Solo Musica SM567 (© 2026) Details

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Boismortier: Sonaten für Traversflöte - Marion Treupel-Franck

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