Freitag, 16. Oktober 2026

Troll & Roemhildt: Kantaten in Thüringen - Marcello Trinchero


In der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Thüringen ein fruchtbarer Boden für Komponisten. Heute ist die Region vor allem für die Mitglieder der Bach-Familie bekannt, die dort als Organisten und Kapellmeister tätig waren. Die vorliegende CD widmet sich zwei weiteren Komponisten, die dort wirkten. Einer von ihnen hat fast ebenso viele Kantaten hinterlassen wie Johann Sebastian Bach - doch nur einige wenige davon sind auf Tonträger erhältlich. Bei allen vier Kantaten auf dieser CD handelt es sich um Ersteinspielungen; sie stellen somit eine bedeutende Bereicherung der Diskografie dar.

Das Programm beginnt und endet mit einer Kantate eines gewissen Troll. Sieben Kantaten, die unter dem Namen 'Herr Troll' als Komponist geführt werden, sind Teil einer umfangreichen Kantatensammlung, die 1968 in der Kirche von Großfahner entdeckt wurde. Sein Vorname ist nicht überliefert, doch es gibt Anhaltspunkte für die Annahme, dass er mit den Buchstaben 'Fr.' begann. Auf dem Titelblatt des Werks Singet dem Herrn ein neues Lied ist das Jahr 1715 als Entstehungszeit angegeben; die andere Kantate dürfte vermutlich aus derselben Zeit stammen.

Troll scheint derselben Generation anzugehören wie etwa Dieterich Buxtehude, Johann Kuhnau und Johann Philipp Krieger. In ihrem Schaffen lässt sich der allmähliche Übergang vom geistlichen Konzert des 17. Jahrhunderts zur Kantate des 18. Jahrhunderts beobachten. In den vorliegenden zwei Kantaten finden sich weder Rezitative noch Arien in Da-capo-Form; in dieser Hinsicht weisen sie Ähnlichkeiten mit den frühen Kantaten von Johann Sebastian Bach auf. Bemerkenswert ist zudem die bedeutende Rolle zweier Trompeten, die in den Manuskripten als Clarini bezeichnet werden. Ihre Teilnahme wundert nicht, da diese zwei Kantaten für Weihnachten bzw. Ostern bestimmt sind. Beide sind für Bass solo, und bestehen aus vier Arien; der ersten Arie geht eine Sonatina voran.

Der weitere hier vertretene Komponist ist jener, von dem - wie bereits im ersten Absatz erwähnt - eine große Anzahl an Kantaten überliefert ist. Johann Theodor Roemhildt (1684-1756) wurde in Salzungen bei Eisenach geboren. Er erhielt seine Ausbildung bei Johann Jacob Bach (1655-1718), einem Mitglied des Meininger Zweigs der Bach-Familie, der zu jener Zeit als Kantor in Ruhla tätig war. Anschließend besuchte er die Thomasschule in Leipzig, wo er bei Johann Schelle und später bei Johann Kuhnau studierte; zu seinen dortigen Mitschülern zählten Johann David Heinichen und Christoph Graupner. Von 1708 bis 1715 sowie von 1726 bis 1731 war er als Kantor am Hof ​​in Spremberg tätig. Dazwischen arbeitete er in Freystadt in Schlesien. Im Jahr 1731 trat sein Dienstherr, Herzog Heinrich, die Herrschaft als Herzog von Sachsen-Merseburg an; Roemhildt folgte ihm nach Merseburg, wo er das Amt des Kapellmeisters übernahm und 1735 - als Nachfolger von Georg Friedrich Kauffmann - zudem zum Domorganisten ernannt wurde.

Sein Nachlass umfasst 236 Kantaten, von denen fünfzig für eine Solostimme gesetzt sind. Hinzu kommen eine Motette, vier Messen sowie einige Instrumentalwerke. Er komponierte zudem eine Passion, die jedoch als verschollen gilt. Ein Verzeichnis seines Gesamtwerks ist hier zu finden. Die beiden hier enthaltenen Kantaten sind für Tenor geschrieben; eine davon enthält auch einen Chorsatz, der wiederholt wird.

Herr Jesu, deiner Trost ich mich ist eine Kantate für den 6. Sonntag nach Trinitatis. Der Text scheint von der Epistel des Tages inspiriert zu sein (aus dem 6. Kapitel des Römerbriefs des Apostels Paulus), in der es heißt, dass der Gläubige durch den Tod Christi der Sünde gestorben ist. Herr, wie groß ist deine Güte ist für den 18. Sonntag nach Trinitatis geschrieben. Das Evangelium des Tages stammt aus Matthäus 22; darin benennt Jesus die Liebe zu Gott und zum Nächsten als das erste Gebot. Der Text scheint sich vornehmlich auf den ersten dieser beiden Aspekte zu beziehen. Auch in diesen beiden Kantaten spielen Trompeten mit. In der zweiten gibt es zudem eine Partie für Blockflöte, und in einer Arie hat die erste Geige eine Obligatpartie.

Den Kantaten vorangestellt oder nachgestellt ist jeweils ein Orgelwerk von Johann Gottfried Walther beziehungsweise Friedrich Wilhelm Zachow. Letzteres Christ lag in Todesbanden geht passenderweise Trolls Osterkantate voraus. Walthers Herr Christ, der einig Gottes Sohn leitet zu Roemhildts Kantate für den 18. Sonntag nach Trinitatis über; für diesen Sonntag verfasste auch Bach eine Kantate mit demselben Titel.

In der Mitte des Programms erklingt ein anonymes Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo, das hier auf der Blockflöte dargeboten wird. Es ist in einer Abschrift von Johann Georg Pisendel überliefert, die für Aufführungen am Dresdner Hof bestimmt war. Das überrascht nicht: Pisendel war ein großer Bewunderer des italienischen Stils - insbesondere der Musik Vivaldis - und dieses Konzert ist ganz in diesem italienischen Stil gehalten. Es lässt sich nicht ausschließen, dass Pisendel selbst der Komponist ist, wenngleich es stilistische Unterschiede zu gesicherten Werken aus seiner Feder gibt. Der mit grave bezeichnete Mittelsatz ist von jenem Pathos geprägt, das für so viel italienische Musik typisch ist – einschließlich Tremoli sowohl im Solopart als auch im Tutti.

Es ist bemerkenswert, dass dieses Repertoire von Italienern aufgeführt wird. Soweit mir bekannt ist, wurde bisher kein Werk von Troll aufgenommen. Einige Kantaten von Roemhildt sind in verschiedenen Anthologien zu finden (unter anderem in Aufnahmen des deutschen Bassisten Klaus Mertens beziehungsweise des polnischen Dirigenten Andrzej Szadejko). Angesichts der Qualität der hier aufgeführten Kantaten, ist es zu hoffen, dass in Zukunft noch mehr Werke beider Komponisten aufgenommn werden. Während sich so viele Ensembles Bach widmen, könnte man sich wünschen, dass sie stattdessen auch weniger bekanntes Terrain erkunden. Das Instrumentalensemble spielt exzellent, und auch der Chor überzeugt. Die Leistungen von Matteo Straffi (Tenor) und Marco Grattarola (Bass) sind sehr respektabel. Ersterer lässt sich in den Rezitativen genau das richtige Maß an rhythmischer Freiheit. Seine deutsche Aussprache ist zwar nicht schlecht, aber nicht ganz idiomatisch - das gilt auch für Grattarola. Bei Letzterem lässt die Diktion etwas zu wünschen übrig; zudem hätte ich mir eine 'offenere' Stimmgebung gewünscht. Valerio Febbroni liefert eine sehr gute Interpretation des Konzerts, und die Orgelwerke werden von Roberto Passarini stilsicher dargeboten.

Alles in allem handelt es sich zwar nicht um eine ideale Interpretation der Kantaten, doch die Aufnahmen sind durchaus hörenswert und leisten einen überzeugenden Beitrag dazu, Troll und Roemhildt ins Bewusstsein zu rücken.

Fr. Troll & Johann Theodor Roemhildt: "Kantaten - Geistliche Musik in Thüringen"
Matteo Straffi, Tenor; Marco Grattarola, Bass; Valerio Febbroni, Blockflöte; Roberto Passerini, Orgel; I Contrappuntisti/Marcello Trinchero
Da Vinci Classics C01098 (© 2026) Details

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