Donnerstag, 27. Juli 2023
Ein deutsches Barockrequiem - Vox Luminis
Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms ist eines der Monumente der Musikgeschichte. Das Werk wird oft aufgeführt und es gibt mehrere CD-Einspielungen, auch mit historischen Instrumenten. Wer sich in der Musik des Barock auskennt, wird erinnert an die Musicalischen Exequien von Heinrich Schütz. Brahms kannte dieses Werk und hat sich davon zweifellos bei der Komposition seines Werkes anregen lassen. Das Ensemble Vox Luminis nahm 2010 die Musicalischen Exequien auf und seitdem has es dieses Werk oft aufgeführt. "Seit 2010 ist Lionel Meunier und mir die Gegenüberstellung der beiden etwas mehr als 200 Jahre auseinanderliegenden Meisterwerke nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es müsste doch möglich sein, ausgehend von deutschen Kompositionen des 17. Jahrhunderts ein Werk zu schaffen, das dem Deutschen Requiem ähnelt", schreibt Jérôme Lejeune, der musikalische Leiter des Labels Ricercar im Textheft zu der hier rezensierten CD. Nach vielen Jahren hat diese Idee Frucht getragen. Ausgangspunkt waren die von Brahms ausgewählten Texte; man versuchte im deutschen Repertoire des 17. Jahrhunderts Vertonungen der gleichen Texte zu finden. Das ist nicht immer gelungen, und da hat man eine passende Alternative gefunden. In anderen Fällen gab es mehrere Möglichkeiten. Es ist schön, dass man nicht schon bekannte Werke, beispielsweise von Schütz, aufgenommen hat, sondern sich für weniger bekannte Stücke entschieden hat. Die meisten hier aufgenommenen Werke erscheinen hier wohl zum ersten Mal auf CD.
Kaum bekannt ist Andreas Scharmann, von dessen Karriere wir nichts wissen. Nur ein Werk von ihm ist erhalten geblieben; sein Trauerklag eröffnet das Programm. Ein zweiter kaum bekannter Meister ist Heinrich Schwemmer, der in Nürnberg wirkte; von ihm ist hier das geistliche Konzert Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand zu hören. Andreas Hammerschmidt, Johann Philipp Förtsch und Wolfgang Carl Briegel sind nicht unbekannt und ihre Werke sind auf verschiedenen CDs zu finden. Das will aber nicht heissen, dass sie oft zu hören sind, und deswegen ist jede Aufnahme willkommen. Hammerschmidt ist in letzter Zeit einiges Interesse entgegengebracht worden; vor einigen Jahren widmete Vox Luminis ihm eine ganze CD. Sein Oeuvre ist umfangreich, und darin gibt es noch viele Schätze zu entdecken, wie das hier aufgeführte geistliche Konzert für Ostern, Der Tod ist verschlungen. Förtsch war ein Komponist von auffällig dramatischen geistlichen Konzerten, bevor er sich ganz dem Medizin widmete. Briegel war der Amtsvorgänger von Christoph Graupner als Kapellmeister am Hofe zu Darmstadt. Es erklingen auch Werke von Tobias Michael und Christian Geist. Der wohl bekannteste Komponist ist Johann Hermann Schein. Vor allem seine Sammlung Israelsbrünnlein erfreut sich grosser Bekanntheit. Hier erklingen Stücke aus anderen Sammlungen.
Die Zusammenstellung dieses Programms ist originell und zeugt von Kreativität. Dass hier so viele unbekannte Schätze dargeboten werden, kann nicht genug gewürdigt werden. Diese Produktion zeugt von der erstaunlichen Qualität des deutschen Barock. Man könnte noch viele CDs mit vergleichbarem Repertoire füllen. Auch im Oeuvre der bekannten Meister des 17. Jahrhunderts gibt es noch viel zu entdecken. Vox Luminis gilt mit Recht als ein Ensemble, das sich im deutschen Repertoire besonders gut auskennt. Das zeigt es auch hier. An Artikulation, Aussprache und Textverständnis ist nichts auszusetzen. Auch der Zusammenklang ist makellos. Das Ensemble bringt hier eindringliche und stilistisch völlig idiomatische Interpretationen. Die Tatsache, dass Bart Jacobs im Basso continuo eine grosse Orgel spielt, trägt wesentlich zur Aussagekraft dieser Produktion bei.
"Ein Deutsches Barockrequiem"
Vox Luminis/Lionel Meunier
Ricercar RIC 445 (© 2023) details
Mittwoch, 19. Juli 2023
Kuhnau: Geistliche Werke VIII - Gregor Meyer
Eines der wichtigsten Projekte der letzten Zeit ist die Gesamtaufnahme des geistlichen Oeuvres von Johann Kuhnau (1660-1722). Jeder kennt seinen Namen, aber dann vor allem als Amtsvorgänger von Johann Sebastian Bach in der Funktion von Thomaskantor. Seine Musik ist kaum bekannt, vielleicht mit Ausnahme seiner sechs 'Biblischen Sonaten'. Er hat auch einen nicht besonders guten Ruf, denn er gilt als konservativ, und vehementer Gegner des neuen Kirchenstils, der stark unter dem Einfluss der italienischen Oper stand. Dieses Vorurteil ist mit der bei CPO erschienenen Gesamtaufnahme seiner geistlichen Werke auf eindrucksvolle und überzeugende Weise widerlegt worden. David Erler, Sänger im Ensemble Opella Musica, das Kuhnaus Musik zu Gehör bringt, und verantwortlich für die Druckausgabe, die bei Breitkopf und Härtel erscheint, wird in einem Interview im Textheft der 8. und letzten Folge gefragt, was für ihn die grösste musikalische Überraschung war. Er sagt: "Die Besonderheit ist eigentlich, dass es keine wirkliche Besonderheit gibt - Kuhnau ist ein Meister der Vielfalt. Es gibt kleine Motetten, sehr intime Solokantaten, beeindruckend durchkomponierte Vokal-Concerti, bis hin zu wirklich prächtigen Festmusiken." Dem kann man nur zustimmen. Die 2022 erschienene letzte Folge stellt diese Vielfalt unter Beweis.
In dieser Aufnahme trifft man einige Werke, die man vielleicht von Kuhnau nicht direkt erwartet, wie Musik zum Schauspiel 'Von Jacobs doppelter Heyrath', verfasst von seinem Lehrer und Mentor Christian Weise. Zwar nennt die Druckausgabe als Komponist lediglich 'J.K', was immer als Johann Krieger interpretiert wurde, aber es gibt gute Argumente für Kuhnau als Komponist dieser Musik. Nun haben wir es hier mit einem geistlichen Bühnenwerk zu tun, denn der Stoff stammt aus dem alttestamentlichen Buch 1 Mose, aber wir finden hier auch ein Werk auf einem lateinischen Text, das man mit dem besten Willen nicht als geistlich bezeichnen kann. Spirate clementes is eine Kantate nach dem Modell der italienischen Kammerkantate und handelt, wie solche auch, von den Verwirrungen der Liebe. Da das Werk nicht so richtig nach Kuhnau klingt, wird die Authentizität bezweifelt. Das gilt übrigens für mehrere Werke von Kuhnau, die in dieses Projekt einbezogen wurden, denn Stücke, die in seiner eigenen Handschrift überliefert wurden, sind rar. Deswegen war die Entdeckung dreier Arien in seiner Handschrift, die hier ganz am Ende erklingen, von grosser Bedeutung. Die Komposition bezieht sich wahrscheinlich auf den Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697), an dem Sachsen seit 1689 teilnahm.
Die beiden geistlichen Kantaten sind sehr unterschiedlich. Ach Herr, wie sind meiner Feinde so viel stammt von dem obengenannten Christian Weise. Es handelt sich um eine Vertonung des 3. Psalms, mit hinzugefügten freien Texten. Der Text lässt verstehen, dass Kuhnau hier zwei Trompeten und eine Posaune einsetzt. Im ersten Abschnitt verwendet er den stile concitato. Ganz anders ist Ende gut und alles gut, eine Kantate für den letzten Sonntag des Kirchenjahres und daher eine Betrachtung über den Tod und das ewige Leben. Es ist eine intime Kantate für Sopran, Violine und Basso continuo, die vielleicht nicht für die Thomaskirche, sondern für eine kleinere Kirche anderswo bestimmt war.
Am Ende des Projekts kann man allen Beteiligten - den Interpreten, der Plattenfirma und dem Sender Deutschlandfunk Kultur - nur gratulieren. Die Konsequenz und das hohe Niveau der Interpretation, die von Anfang bis Ende dieses Projekt kennzeichnen, ist eindrucksvoll. Zusammen sind die acht erschienenen CDs ein würdiges klingendes Denkmal für einen Komponisten, der seinen Platz als Komponist im Kompendium der Musikgeschichte durchaus verdient hat.
N.B. Leider muss ich eine Warnung abgeben für die 8. Folge. Mir steht diese Produktion in Form von digitalen Dateien zur Verfügung, und in Track 24 gab es eine technische Störung, die ich mit Software habe entfernen können. Ob das ein Einzelfall war, weiss ich nicht, und auch nicht, ob die physischen CDs davon betroffen sind. Achten Sie darauf.
Kuhnau: "Complete Sacred Works VIII"
Opella Musica, camerata lipsiensis/Gregor Meyer
CPO 555 460-2 (© 2022) details
Donnerstag, 13. Juli 2023
CPhE & JC Bach: Sonaten für Viola da Gamba - L'Amoroso
Die Viola da gamba war eines der am meisten geschätzten Instrumente der Spätrenaissance und des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde sie immer stärker der Konkurrenz des Violoncellos ausgesetzt. Trotzdem konnte sie sich hier und da halten: es gab in Frankreich bis in die Mitte des Jahrhunderts einige Gambenvirtuosen, und in Deutschland gab es Ludwig Christian Hesse, der am Hofe Friedrichs des Grossen wirkte und mehrere Kollegen zur Komposition von Solokonzerten und Sonaten anregte. Zu diesen zählte auch Carl Philipp Emanuel Bach, der zwei Sonaten für Gambe und Basso continuo und eine für Gambe und konzertierendes Cembalo komponierte. Während die Sonate C-Dur (Wq 136) weitgehend im galanten Stil gehalten ist, ist die Sonate D-Dur (Wq 137) ein Werk, das den Geist des Komponisten atmet. Wo die Sonate in C-Dur mit einem Andante anfängt, ist der erste Satz der Sonate D-Dur ein Adagio, das harmonisch gewagt ist. Der zweite Satz ist virtuos, auch dank der Tempoangabe: Allegro di molto. In der Sonate g-moll (Wq 88) teilen sich die rechte Hand des Tasteninstruments und die Viola da gamba das thematische Material. Die linke Hand des Tasteninstruments hat lediglich eine Begleitfunktion. Das Werk wird vom Kontrapunkt dominiert. Für diese Sonate wird die Viola als Alternative erwähnt. Das deutet wohl darauf hin, dass zur Zeit der Komposition (1759) die Viola da gamba weitgehend ins Abseits geraten war und nur von wenigen noch gespielt wurde.
Wo CPhE Bachs Gambensonaten mehrmals aufgenommen worden sind, gilt das nicht für die Sonaten von Johann Christian Bach. In seiner Programmerläuterung schreibt Michael O'Loghlin, sie könnten zwischen 1765 und 1772 entstanden sein. Man könnte meinen, sie seien für Carl Friedrich Abel, mit dem Bach die sogenannten 'Bach-Abel-Konzerte' organisierte, komponiert, aber das steht nicht fest. Eine andere Möglichkeit wäre der Maler Thomas Gainsborough, ein Freund von Abel, der den Gambisten mit seinem Instrument porträtierte. Übrigens sind die vier hier eingespielten Sonaten auch in anderen Besetzungen überliefert, für Traversflöte, Violine oder Viola. Welche Besetzung die ursprüngliche ist, lässt sich nicht feststellen. Es handelt sich um typisch galante Stücke, immer in zwei Sätzen. Zwei Sonaten enden mit einem Rondeau, und eine Sonate mit einer Pastorale.
Die Bedeutung dieser Produktion liegt in erster Linie in der Aufnahme dieser Sonaten von Johann Christian Bach, die hier wohl zum ersten Mal auf CD erscheinen, oder jedenfalls in der Besetzung mit Viola da gamba. Allerdings ist diese CD auch wegen der Interpretation interessant, und vor allem aufgrund der Wahl der Tasteninstrumente. In zwei Sonaten spielt Paolo Corsi ein Cembalo, in den übrigen Sonaten ein Tafelklavier (John Broadwood, 1786 bzw. ein italienisches Instrument von um 1795). Das war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert ein beliebtes Instrument, das vor allem im intimen Kreis - aber nicht nur dort - gespielt wurde. Insbesondere in den Sonaten von Johann Christian ist das eine viel überzeugendere Wahl als das Fortepiano. Sie führt auch zu einer guten Balance zwischen den Instrumenten. Guido Balestracci und Paolo Corsi, in den zwei Sonaten von CPhE Bach mit Basso continuo unterstützt von Stéphanie Houillon auf der zweiten Gambe, haben eine fesselnde CD vorgelegt, die bietet was der Titel verspricht.
CPhE & JC Bach: "Virutosity and Grace - Sonatas for Viola da Gamba"
L'Amoroso
Arcana - A543 (© 2023) details
Freitag, 7. Juli 2023
London circa 1740 - La Rêveuse
Vom späten 17. bis weit ins 19. Jahrhundert war London einer der europäischen Musikmetropolen. Es wurde auf allen Ebenen Musik gemacht: von der Oper bis zu Kammermusik im intimen Kreis. Kein Wunder, dass ausführende Musiker und Komponisten aus aller Welt sich dort niederliessen, vor allem in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Einer der grössten war Georg Friedrich Händel, der schon bald nach seiner Ankunft eine zentrale Stelle im Musikleben einnahm. Das war vor allem dank seiner Aktivitäten im Bereich der Oper. Sein Orchester bot vielen Musikern Arbeit, und darunter waren einige grosse Virtuosen, wie der italienische Oboist Giuseppe Sammartini. Verschiedene Spieler im Orchester waren auch als Komponist tätig, aber nur wenige werden heute als solchen wahrgenommen
Das Ensemble La Rêveuse hat 2020 eine CD veröffentlicht, auf der die Londoner Musikszene um 1720 beleuchtet wird. Jetzt liegt eine CD vor, die uns zwanzig Jahre weiter bringt. Händel spielt noch immer eine substantielle Rolle, aber nicht mehr als Opernkomponist: die italienische Oper hat seine Anziehungskraft verloren, und Händel komponiert jetzt Oratorien auf englischen Texten. Wichtig im Musikleben sind die öffentlichen Konzerte, beispielsweise die sommerlichen Konzerte in den Vauxhall Gardens, für die Händel sogar ein besonderes Stück komponierte, das auf der CD ganz am Ende erklingt. Vom ihm wird auch eine Triosonate gespielt. Weiter hören wir das wohl bekannteste Werk von Sammartini: sein Blockflötenkonzert in F-Dur, hier vom Veteranen Sébastien Marq dargestellt. Das Traversflötenkonzert in e-moll (op. 2,6) des aus Deutschland gebürtigen Charles Weideman wird hier vom jungen Flötisten Olivier Riehl gespielt. Pietro Castrucci war der Konzertmeister in Händels Opernorchester. Hier erklingt ein Stück, das man von ihm nicht erwarten würde: eine Sonate für Viola da gamba ohne Begleitung.
Traditionelle Musik aus Schottland und Irland erfreute sich zu dieser Zeit grosser Beliebtheit, und Komponisten bearbeiteten traditionelle Melodien und trugen diese in öffentlichen Konzerten vor. James Oswald war einer der bekanntesten; er verdankt seine Bekanntheit vor allem solchen Bearbeitungen. Hier erklingt eine kleine Auswahl in verschiedenen Besetzungen.
Diese CD bietet ein farbenreiches Porträt des Musiklebens um 1740 und enthält mehrere kaum bekannte Werke. Es gibt auch ein paar geläufige Stücke, und damit ist diese Produktion eine gute Mischung von Bekanntem und Unbekanntem. Die Musik wird auf hohem Niveau dargestellt; La Rêveuse ist ein vorzügliches Ensemble, das hier stilistisch konsequente und überzeugende Darbietungen vorlegt. Da kann man sich nur freuen und hoffen, dass weitere Schätze des englischen Musiklebens in nächster Zeit auf CD erscheinen werden. Diese Aufnahme bietet auf jeden Fall mehr als eine Stunde beste Unterhaltung.
"London circa 1740 - Handel's musicians"
La Rêveuse/Florence Bolton, Benjamin Perrot
Harmonia mundi HMM 902613 (© 2022) details
Freitag, 30. Juni 2023
Porpora: L'aureo serto - Sergio Foresti & Abchordis Ensemble
Nicola Antonio Porpora (1686-1768) ist ein bekannter Name, aber dann vor allem, weil er eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Vokalmusik des Barock, im Besonderen im Bereich der Oper, gespielt hat. Er war ein hoch angesehener Gesangslehrer, der einige der grössten Kastraten des 18. Jahrhunderts zu seinen Schülern rechnete. Als Komponist tritt er heutzutage viel weniger in Erscheinung. Es gibt einige Aufnahmen von Kantaten, aber Aufführungen seiner Opern, Oratorien und Serenaten sind rar. Deswegen ist die hier zu besprechende CD mit Ausschnitten aus eben diesem Teil seines Schaffens von grosser Bedeutung. Alle drei soeben erwähnte Gattungen sind vertreten.
In Oratorien wurden verschiedene Stoffe behandelt: neben biblischen Geschichten, meistens aus dem Alten Testament, wurden auch Heiligen oder historischen Persönlichkeiten Oratorien gewidmet. Die erste Kategorie finden wir in Gedeone, über einen der Richter des jüdischen Volkes, der die Gewaltherrschaft der Midianiter bricht, und in David e Bersabea, über die Affäre des Königs David mit Batseba und den von ihm angeordneten Tod deren Ehemannes Urija. Im letztgenannten Oratorium singt der Prophet Nathan eine Wutarie, in der er Gottes Zorn über das Geschehen zum Ausdruck bringt. So eine Arie zeigt, wie sehr sich Oratorium und Oper in Porporas Zeit ähneln. Ein historischer Stoff wird in Il martirio di San Giovanni Nepomuceno behandelt; Johannes Nepomuk (c1350-1393) war ein böhmischer Priester und Märtyrer.
Eine wichtige Gattung im italienischen Barock war die Serenata. Dabei handelt es sich um ein Stück, oft in Auftrag gegeben, das aus Anlass eines festlichen Ereignisses, wie eine Hochzeit, eine Geburt oder ein Friedensvertrag, dargeboten wurde. Zwei Serenaten sind hier mit Rezitativen und Arien vertreten. Dejanira, Iole, Ercole entstand 1711 und daraus hören wir zwei Arien, die Hercules in den Mund gelegt werden. Hier hat Porpora die Qualitäten des Interpreten, des Bassisten Antonio Manna, ausgeschöpft, vor allem im Bereich des Umfangs seiner Stimme und seiner Fähigkeit, grosse Intervalle zu überbrücken. In L'Angelica, die 1720 aufgeführt wurde, trat zum ersten Mal der Kastrat Farinelli, im Alter von 15 Jahren, auf. Das Stück versetzt uns in die imaginäre Welt Arkadien, das Ideal der höheren Schichten, genauso wie die damals komponierten Kantaten.
Dritte Gattung im Programm ist die Oper. L'Agrippina wurde 1708 zum ersten Mal aufgeführt, und ist wohl eine der spätesten Opern, in denen es komische Charaktere gibt. Im 17. Jahrhundert war das gang und gäbe, aber als die Oper sich zur 'opera seria' entwickelte, wurden komische Charaktere und Geschichten ins Intermezzo verbannt. Hier ist der Protagist Planco, der Liebesgeschichten und insbesondere das Umschwärmen von Kastraten ironisch kommentiert. Als 1732 der Bass Antonio Magnana an Aufführungen zweier Pasticcios von Händel teilnehmen sollte, wollte er gerne Arien singen, die er 1730 bzw. 1731 in Opern von Porpora gesungen hatte. Die Einbeziehung solcher sogenannten 'Kofferarien', die einem Sänger die Möglichkeit boten zu jeder - passenden oder unpassenden - Gelegenheit, seine Fähigkeiten zur Schau zu stellen, war damals ganz üblich, ohne Zweifel zum Verdruss von Komponisten. In diesem Falle war es wohl weniger ein Problem, da Catone in Utica sowieso aus Ausschnitten verschiedener Opern von verschiedenen Komponisten zusammengestellt war.
Eine Besonderheit dieser CD ist, dass alle Arien für Bass gesetzt sind. Damals waren die wichtigen Rollen in dramatischen Werken immer für Sopran oder Alt bestimmt. Stimmen in tieferen Lagen waren meistens mit Nebencharakteren verbunden. Bässe waren oft die Schurken eines Werkes, oder aber ältere und Weise Männer. Beide finden wir hier: in Il martirio di San Giovanni Nepomuceno ist König Wenzel IV., der Johannes Nepomuk ertrinken lässt, der Schurke, in L'Angelica ist der Protagonist der Vater eine Hirtin, der versucht die heftigen Liebesgefühle zu beruhigen. Sergio Foresti hat sich in jede Rolle perfekt eingelebt. In den Wutarien ist er nicht der Versuchung, zu übertreiben, zum Opfer gefallen. Er konzentiert sich ganz auf die differenzierte Weise, in der Porpora den Text musikalisch gestaltet. Auch in der komischen Arie aus L'Agrippina trifft er den richtigen Ton. Er verfügt über eine angenehme, aber nicht sonderlich laute Stimme, und das ist hier genau richtig. Das Abchordis Ensemble ist der exzellente Partner. Es bleibt zu hoffen, dass in nächster Zukunft die grösseren Vokalwerke Porporas auch mal in voller Länge aufgenommen werden. Diese CD zeigt, dass die Qualität seines Schaffens dazu allen Grund gibt.
Nicola Antonio Porpora: "L'aureo serto"
Sergio Foresti, baritone; Abchordis Ensemble/Andrea Buccarella
Challenge Classics CC 72924 (© 2022) details
Montag, 26. Juni 2023
Weelkes: What Joy So True - Chichester Cathedral Choir
Wie fast jedes Jahr ist auch 2023 ein Gedenkjahr. Vor vierhundert Jahren verstarb William Byrd, einer der grössten Komponisten der ausgehenden Renaissance. Weniger bekannt, jedenfalls ausserhalb dem Vereinigten Königreich, ist, dass im gleichen Jahr auch das Leben von Thomas Weelkes ein Ende nahm. Er ist vor allem wegen seiner Madrigale bekannt; vier Bücher solcher Werke hat er veröffentlicht, aber leider werden sie selten aufgeführt und aufgenommen. Vielleicht ist dieses Gedenkjahr Anlass, diesen Teil seines Oeuvres ins rechte Licht zu rücken. Zunächst möchte ich aber eine Aufnahme vorstellen, die seiner geistlichen Musik gewidmet ist.
Weelkes wurde 1601 oder 1602 zum Organisten und informator choristarum an der Kathedrale zu Chichester ernannt; in letztgenannter Funktion war er für die Erziehung der Chorknaben zuständig. Im Jahre 1617 wurde er entlassen, da er seine Aufgaben vernachlässigte und sich auch schlecht benahm: er soll ein Trunkenbold gewesen sein und oft geflucht haben. Seitdem spielte er die Orgel nur noch unregelmässig. Im Textheft zu der hier zu rezensierenden Produktion wird sein tragisches Schicksal diskutiert. Dabei wird in Erwägung gezogen, dass sein problematisches Benehmen eine Folge nicht erfüllter Ambitionen gewesen sein könnte. Er hätte vielleicht gerne in der Chapel Royal gearbeitet, aber daraus wurde nichts. Seine Position in Chichester galt nicht gerade als die Spitze; der Chor war relativ klein. Es ist interessant, dass gerade der heutige Chor dieser Kathedrale sich mit seinem Oeuvre beschäftigt. Er ist noch immer relativ klein, verglichen mit den meisten Kathedralchören in Grossbrittannien.
Diese CD bietet eine interessante Übersicht des Schaffens von Weelkes. Leider sind viele seiner Werke unvollständig überliefert. Deswegen musste einige Rekonstruktionsarbeit geleistet werden. Das hat sich gelohnt, denn die hier aufgenommenen Werke von Weelkes zeigen, dass er ein exzellenter Komponist war. Sie zeigen auch die stilistische Vielfalt seines Oeuvres: neben Stücken in einem strikt imitativen Kontrapunkt, gibt es auch Werke, in denen sich Homophonie und Polyphonie abwechseln. Dass er ein wichtiger Madrigalkomponist war, kommt auch zum Ausdruck: in einigen Stücken gibt es sprechende Beispiele von Textausdruck. In einigen sogenannten verse anthems und einem consort song kommen einzelne Mitglieder des Chores solistisch zu Wort. Der Chor von Chichester besteht nur aus Knaben- und Männerstimmen, und da er relativ klein ist, ist die Qualität jeder Einzelstimme von Bedeutung. Die Sänger machen einen hervorragenden Eindruck, und das trifft auch auf die Knabensoprane zu, die einen schönen Ton hervorbringen und mit dem Text schon etwas anzufangen wissen.
Diese CD ist umso interessanter, da hier auch die zwei einzigen Orgelwerke von Weelkes sowie einige seiner Werke für Gambenconsort zu hören sind. Diese gehören zu dem am wenigsten bekannten Teil seines Oeuvres. Alle Instrumentalwerke werden hier sehr gut dargestellt.
Fazit: ein höchst interessanter und musikalisch fesselnder Beitrag zum Weelkes-Gedenkjahr.
Thomas Weelkes: "What Joy So True - Anthems, Canticles, Consort Music"
The Choir of Chichester Cathedral, The Rose Consort of Viols/Charles Harrison; Thomas Howell, Orgel
Regent REGCD571 (© 2023) details
Mittwoch, 14. Juni 2023
Raehs: Flötensonaten - Clara Guldberg Ravn
Aufnahmen von Musik dänischer Komponisten sind mit selten in den Schoss gefallen, es sei denn, man betrachte Dieterich Buxtehude als einen dänischen Komponisten. Ansonsten gibt es nicht viel zu rezensieren, da es wenig dänische Musik gibt, die aufgeführt werden könnte. Da ist man überrascht, wenn zwei CDs erscheinen mit Flötensonaten eines dänischen Komponisten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Martinus Raehs (1702-1766) wurde in Horsens, einer Provinzstadt in der Region Mid-Jutland geboren. Er wurde auf der Traversflöte unterrichtet, und als junger Mann machte er sich auf den Weg nach England, wo er sein Studium fortsetzte und wahrscheinlich Komponisten wie Händel und Geminiani begegnete. Auf jeden Fall im Jahre 1726 war er wieder in Danmark, wo er seinen Vater als Stadtmusiker zu Aarhus nachfolgte. Er begann schon damals zu komponieren. In den späten 1740er Jahren war er wahrscheinlich in Deutschland, denn sechs Sonaten, die aus 1748 datieren, widmete er Friedrich von Mecklenburg-Schwerin. In den letzten Jahren seines Lebens spielte er die Traversflöte in der Hofviolinbanden, wo sein Bruder erster Geiger war.
Von Raehs sind nur 16 Flötensonaten erhalten geblieben, die sich in zwei verschiedenen Handschriften befinden, die in Schwerin bzw. Kopenhagen aufbewahrt werden. Eine Sonate ist in beiden Sammlungen enthalten, mit nur kleinen Varianten; deswegen wurde in der hier rezensierten Gesamtaufnahme nur eine Fassung einbezogen. Stilistisch finden wir hier eine Mischung aus barocken Elementen und Zügen des galanten Stils und der Empfindsamkeit. Einige folgen dem Corellischen Modell in vier Sätzen, andere bestehen aus drei Sätzen, entweder schnell-langsam-schnell oder langsam-schnell-schnell. Einige Sätze enthalten ausgeschriebene Verzierungen und damit interessante Information bezüglich der Verzierungspraxis in jener Zeit. Es sind sehr schöne und gut komponierte Werke, und es ist schon erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis sie auf CD erschienen sind. Das macht diese beiden CDs umso mehr willkommen, zumal Clara Guldberg Ravn eine exzellente Blockflötistin ist, und diese Sonaten sehr gut vorträgt. Sie bringt einen schönen Ton hervor, und ihre Behandlung der Dynamik und der Verzierungen ist differenziert und überzeugend. Ich möchte sie daher gerne empfehlen, aber nicht ohne Einschränkungen.
Erstens: diese Sonaten sind für die Traversflöte konzipiert, werden hier aber auf der Blockflöte gespielt. Bei Sonaten, die gedruckt wurden, ist das zu verteidigen, denn dieses Instrument wurde von Laien noch bis weit ins 18. Jahrhundert gespielt. Allerdings wurden diese Sonaten nie gedruckt und hat Raehs sie wohl für sich selber komponiert. Das ändert die Sache. Zweitens: in der ersten Folge wird in einigen Sonaten im Basso continuo ein Fortepiano gespielt. Es wird behauptet, Raehs hätte dieses Instrument möglicherweise in England kennengelernt. Das ist klarer Unsinn: er hat England verlassen als man dort das Fortepiano gar nicht kannte. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts erscheinen die ersten Fortepianos in England. Vielleicht hat er das Instrument später in Danmark kennengelernt, aber er kannte mit Sicherheit nicht den Broadwoodflügel des Jahres 1802, der hier von Anna Paradiso gespielt wird. Die Entscheidung für dieses Instrument ist einfach unverständlich. In der zweiten Folge spielt sie in einigen Sonaten ein Clavichord, und das ist eine interessante Möglichkeit, die selten angewandt wird. Es würde aber besser zur Traversflöte als zur Blockflöte passen. Und ein Instrument des Jahres 1794 ist doch auch wieder etwas anachronistisch. Ich unterstreiche gerne noch einmal die Bedeutung dieser Produktionen und bleibe bei meiner Empfehlung. Ich hoffe aber sehr, dass diese Sonaten auch einmal auf Traversflöte eingespielt werden, mit einer Basso continuo-Begleitung, die sich aus historischer Sicht besser verteidigen lässt.
"The Flute Sonatas by Martinus Ræhs - Who enchants this meeting so?"
Clara Guldberg Ravn, Blockflöte; Mats Olofsson, Violoncello; Jonas Nordberg, Erzlaute, Gitarre; Anna Paradiso, Cembalo, Fortepiano
Arcantus arc 20015 (© 2020) details
"The Flute Sonatas by Martinus Ræhs, Vol. 2 - The Promise of a Night in June"
Clara Guldberg Ravn, Blockflöte; Mats Olofsson, Violoncello; Jonas Nordberg, Erzlaute; Anna Paradiso, Cembalo, Clavichord
Arcantus arc 22031 (© 2022) details
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